Diese Ansichtskarte ist eine Herausforderung. Wie kam es wohl zu dieser Abbildung?

 Hochschule für Bauwesen und Verkehr in Ust-Kamenogorsk

Hochschule für Bauwesen und Verkehr in Ust-Kamenogorsk

Zu sehen ist die Hochschule für Bauwesen und Verkehr/Строительно-дорожный институт in Ust Kamenogorsk/Усть-Каменогорск in der Kasachischen SSR/Казахская ССР. 1976 erscheint diese Karte in einer Auflage von 97000 Exemplaren im Verlag Shaluin/Жалын (Kasachisch für “Flamme”). Verantwortlich für die Fotografie ist B. Podgornui/Б. Подгорный.

Der Fotograf hat sich bemüht. Er hat immerhin 4 junge, hübsche Studentinnen der Hochschule für das Foto arrangiert. Sie schlendern gemütlich aus der Hochschule und unterhalten sich angeregt. Ihre Kleidung wirkt sehr farbenfroh. Sie sind der Kontrast zu dem ein wenig verwahrlosten Areal. Ohne sie wäre die Ansicht der Hochschule sehr trist. Grün und Unkraut wuchern über den Betonplatten-Vorplatz und ein Strauch reicht schon zur dritten Etage des Hochschulgebäudes. Ein Anblick, auf den man nicht unbedingt stolz sein kann.

Aber im Jahre 1976 wurde beschlossen, diese Ansichtskarte 97000 mal drucken zu lassen. Gab es keine Alternative? Hat der Fotograf kein besseres Foto machen können? Oder war das schon die beste Auswahl? Die Sonne scheint, das Gebäude an sich sieht auch ganz gut aus, die 4 Damen verschönern das Bild – sollte man sich den Rest wegdenken? Oder war das so eine Art rosarote “Sowjetische Brille”? Rein ästhetisch gesehen finde ich die Farbkomposition mit der rosigen Schule, die vom Blau und dem Grün eingeschlossen ist, ganz gut. Durch die Kontrastlosigkeit wirkt das Gebäude beinahe zart. Das Grün trägt zu der friedlichen Atmosphäre bei. Ich stelle mir einen Tag im Frühsommer Ust Kamenogorsk/Усть-Каменогорск vor.

Ust Kamenogorsk/Усть-Каменогорск hatte 1975 etwa 267000 Einwohner. Der Stadtname ist seit 1993 Oskemen/Өскемен – jetzt wohnen 420000 Leute dort. An der 1953 gegründeten Hochschule für Bauwesen und Verkehr/Строительно-дорожный институт arbeiteten im Jahr 1970 mehr als 400 Lehrer an 38 Fakultäten. Wie auf deren website zu lesen ist, fand 1974 dort eine Konferenz zur methodischen Aufbereitung von Lehrbüchern statt, zu der 319 Vorträge gehalten wurden und Vertreter von 38 Hochschulen der Kasachischen Unionsrepublik/Казахская ССР kamen. Es gab auch wissenschaftliche Kontakte ins Ausland, z.B. wurde in den 80ern zwei Patente zur vibro-abrasiven Bearbeitung von Kleinteilen aus Österreich und der BRD erworben. Nach der Unabhängigkeit Kasachstans wurde die Hochschule 1996 zur Technischen Universität Ost-Kasachstans/Восточно-Казахстанский технический университет.

Wie dem auch sei, im Jahr der fotografischen Aufnahme kümmerte man sich nicht besonders um die Außenanlagen der Hochschule. Das Grün ist beachtlich. Vielleicht ist der ungezügelte Wildwuchs auf die radioaktive Strahlung des Ulba Metallurgischen Werks/Ульбинский металлургический завод zurückzuführen. Dort werden seit den 1950ern Produkte aus Uran und Beryllium hergestellt. Bei Ust Kamenogorsk/Усть-Каменогорск gibt es weltweit die zweitgrößten Vorkommen Berylliums. In dem Werk wurden/werden unter anderem Brennelemente für Kernkraftwerke und atomgetriebene U-Boote, sowie hoch angereichertes Uran für Atombomben hergestellt. Selbstverständlich alles sehr geheim. Nur etwa 200 km entfernt befindet sich auch das große Atomtest-Gelände Semipalatinsk. Anfang der 1990er lagerten knapp 600 kg hochangereichtes Uran in einer Industriehalle in Ust Kamenogorsk/Усть-Каменогорск. Ursprünglich war es für die Reaktoren einer neue U-Boot Flotte gedacht, aber der Zerfall der UdSSR durchkreuzte dieses Vorhaben. Dass es in der Perestroika Zeit nicht irgendwie verkauft wurde, ist verwunderlich, aber auch ein großes Glück. In einer geheimen Aktion wurde das Material 1994 von der USA gesichert und ins Oak Ridge National Laboratory gebracht. Als Kompensation erhielt Kasachstan etwa 20 Millionen Dollar und diverse Geschenke:

“The compensation package was delivered by August 1997 and included the following: eight pursuit vehicles with radio and patrol lights; five mini-vans; eight light pick-up trucks; four buses with radios; 20 Nikon 35mm cameras plus lenses, flash assemblies and cases; 102 computers; 80 printers; 10 scanners; assorted software; 10 photocopiers; and medical supplies” (Defense Threat Reduction Agency Web Site)

Wie auch Tetjucha/Тетюха befindet sich Ust Kamenogorsk/Усть-Каменогорск auf der “Dirty Thirty” Liste – ein Ranking der 30 verschmutztesten Orte der Welt.

Thomas Neumann

http://en.wikipedia.org/wiki/Oskemen

http://ektu.kz/ (ru)

http://ektu.kz/ekstu%5Feng/index.html (eng)

http://www.specialoperations.com/History/Cold_War/Sapphire.htm

Ust-Kamonogorsk bei google-maps

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“Für Frantischek – Zur Erinnerung an Galina/На память Франтишеку от Галины” wurde in sauberer Schönschrift auf die Rückseite der Ansichtskarte geschrieben. Kommt Galina aus Tetjucha/Тетюха? War Frantischek dort zu Besuch? Waren es Schüler, Studenten, Erwachsene? Stammt die Karte aus einem persönlichem Treffen oder aus einer offiziellen Sowjetisch-Tschechoslowakischen Brieffreundschaft? Hat Frantischek geantwortet?

Ansichtskarte Tetjuscha - Rückseite

Ansichtskarte Tetjuscha - Rückseite

Die Karte wurde 1961 in einer Auflage von 20000 in dem Primorski Buchverlag/Приморское книжное издательство herausgegeben. Das Foto stammt von N. Nasarow/Н. Назаров und gedruckt wurde sie in Wladivostok/Владивосток. Herausgegeben wurde die Karte vor der Umbenennung von Tetjucha/Тетюха in Dalnegorsk/Далнегорск im Jahre 1972. Aufgrund der politischen Spannungen zwischen der Sowjetunion und China Ende der 60er Jahre wurden aus dem Chinesisch stammende geografische Bezeichnungen in dieser Zeit russifiziert. So wurde auch der Fluss Tetjuche/Тетюхe in Rudnaja/Рудная umbenannt.

Kulturpalast Tetjucha

Kulturpalast Tetjucha

Zu sehen ist der Kulturpalast der kleinen Stadt im Fernen Osten. Im Vordergrund fliesst vermutlich der Fluss Tetjuche/Тетюхe. Der Kulturpalast ist ein typischer Bau der Stalinzeit im Neoklassizistischem Look. Die Front bildet einen Querriegel, vor dem sich eine Säulenfront mit Tympanon mit einem eingelassenen Dreieck befindet. Hinter dem Vordergebäude ist ein Längsriegel, der sicherlich als Mehrzweckraum für Kino, Versammlung, Theater fungierte. Zwischen den Frontsäulen befinden sich 2 Skulpturen – es könnte ein Mann und eine Frau sein. Im Eingangsbereich sind Plakate angebracht und oben auf dem Dach ist eine Antenne oder ein überdimensionerter Blitzableiter. Vielleicht gab es einen Zirkel “Junger Funker”. Immerhin liegt Tetjucha/Тетюха ziemlich abgelegen – etwa 500 km von Wladivostok/Владивосток entfernt. Vor dem Palast liegt ein solide umzäunter Park mit einem Monument. Es ist eine Büste, die in Richtung Kulturpalast schaut. Soweit man es auf der Karte erkennen und aus der Kopfform schließen kann, scheint es ein männlicher Held zu sein. Ob es Lenin ist oder eine lokale Persönlichkeit?

Das Denkmal könnte Jules Bryner/Юлий Иванович Бринер (1849 Möriken, Schweiz-1920 Wladivostok) gewidmet sein. Mit 16 Jahren verliess er sein Schweizer Heimatdorf. Als Abenteurer und später Kaufmann kam er über Shanghai und Yokohama in den 1880ern nach Wladivostok/Владивосток. Er heiratet die Tochter eines Mongolischen Khans mit dem russifizierten Namen Kurkutowa/Куркутова. Um 1908 gründet er den Blei- und Zinkbergbau in der kleinen Siedlung Tetjucha/Тетюха. Er beschäftigt sich außerdem mit Holzverarbeitung auf Sachalin und dem Kohlebergbau. Als Mitglied der Russischen Geografischen Gesellschaft, Gründer der Ussuri Bergbau Aktiengesellschaft und Gründer eines Museums für das Amur-Gebietes war er wesentlich in die wirtschaftliche Entwicklung dieser Region involviert. Eine Strasse in Wladivostok/Владивосток ist nach ihm benannt. Nach seinem Tod übernimmt sein Sohn Boris die Geschäfte. Noch bis 1931 bleiben seine Betriebe im Privatbesitz, was für die junge Sowjetunion unüblich ist. 1930 wird Tetjucha/Тетюха zur Stadt. 1959 hat sie 17900 Einwohner, 1989 – 49000, 2007 – 37000.

Zum Sowjetischen Erbe gehört leider, dass das heutige Dalnegorsk/Далнегорск zu den 30 verschmutztesten Orten der Welt zählt.
Boris Bryner/Борис Бринер und seine Frau bekommen 1920 in Wladivostok/Владивосток einen Sohn namens Yul Bryner/Юл Борисович Бринер. Die Wirren der Zeit und familiäre Umstände bringen den jungen Yul Bryner/Юл Борисович Бринер über Charbin nach Paris und weiter nach Hollywood. In der USA kommt ein zweites N in den Namen. Yul Brynner, der berühmte Schauspieler, betritt die Bühnen der Welt und ist ein gefragter Kinostar, der die Frauen betört und mit seinem markanten Auftreten viele Filme prägt. Um seiner fernöstlichen Herkunft ranken sich diverse Legenden.

1967 besucht er Möriken, den Geburtstort seines Großvaters, der fast genau 100 Jahre vorher das kleine Schweizer Dorf verlassen hatte. Ob Yul Brynner gelegentlich das Sowjetische Tetjucha/Тетюха besucht hat, ist eher unwahrscheinlich. Allerdings hat wiederum sein Sohn Rock Brynner Tetjucha/Тетюха bzw. Dalnegorsk/Далнегорск beehrt.

Thomas Neumann

http://en.wikipedia.org/wiki/Dalnegorsk

http://de.wikipedia.org/wiki/Yul_Brynner

Tetjucha/Dalnegorsk bei Google Maps

Togliatti, die Autostadt

August 5, 2009

Ein tragischer Vorfall in Artek/Артек (vgl. hier) führt mich zu einem anderen Ansichtskarten-Set/Комплект. Palmiro Togliatti, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, besuchte im August 1964 Artek/Артек. Am 13.8. erlitt er dort einen Schlaganfall, und am 21.8. stirbt er in einem Krankenhaus im nahegelegenen Jalta/Ялта.

Noch im gleichen Jahr wird in Artek/Артек ein Denkmal für ihn errichtet und die Stadt Stawropol a.d. Wolga/Ставрополь-Волжский nach Togliatti/Тольятти umbenannt. Drei Jahre später (1967) wird die Italienisch-Sowjetische Freundschaft weiter vertieft und in Kooperation mit Fiat der Bau des größten PKW Werkes der Sowjetunion in Togliatti/Тольятти begonnen. Schon 1970 nimmt das Wolga-Automobil-Werk/Волжский Автомобильный Завод “ВАЗ” seinen Betrieb auf. Der Fiat 124, Auto des Jahres 1966, wird als Grundmodell für die sowjetische Variante Schiguli/Шигули 2101 genommen. Im Ausland ist er ab 1974 unter dem Namen Lada 1200 bekannt. 1971 beträgt die Jahresproduktion 200.000 Wagen. Schon 1973 verdreifacht sich die Zahl.

Für Togliatti/Тольятти war das Automobilwerk ein großer Sprung nach vorne. Die Altstadt des ehemalige Stawropol a.d. Wolga/Ставрополь-Волжский wurde 1955 durch den Bau eines Wasserkraftwerkes überflutet. Mit dem neuen Autowerk kam nun ein neuer gigantischer Stadtteil hinzu. Der sogenannte Autowerk Bezirk/Автозаводский район, auch als Autostadt/Автоград bekannt, wurde komplett in Plattenbauweise errichtet. Die somit verbliebene Altstadt heisst nun Zentraler Bezirk/Центральный район und ist vorallem durch 50er und 60er Jahre Bauten geprägt. Zwischen den beiden Bezirken liegt viel Wald als Naherholungsgebiet/Зона отдыха. Allerdings braucht man mit dem Bus 20 Minuten, um vom einem Stadtteil zum anderen zu kommen. Übrigens ist die Autostadt Wolfsburg seit 1991 Partnerstadt von Togliatti/Тольятти.

In einem Ansichtskarten-Set/Комплект der Stadt aus dem Jahr 1972 (12 Karten, Planeta/Планета, Fotograf B. Krutzko/Б. Круцко) ist vom Autowerk und dem Autowerk Bezirk/Автозаводский район bis auf eine Hafenansicht (Verladung von ein paar Schigulis/Шигули) noch nichts zu sehen. Ich vermute, dass der neue Stadtbezirk noch im Bau war und noch nicht wirklich fotografisch repräsentativ war, um als Ansichtskarte herausgegeben werden zu können.

Ansichtskartenset Togliatti 1981

Ansichtskartenset Togliatti 1981

Das hier vorgestellte Ansichtskarten-Set/Комплект aus dem Jahr 1981 dagegen behandelt fast nur den Autowerk Bezirk/Автозаводский район und das Werk selbst. Das Set ist ebenso von Planeta/Планета herausgegeben, und die Fotos stammen von Ju. Buikowski/Ю. Быковский. Wie das Set aus 1972 stammt es aus einer Serie namens “Städte der UdSSR/Города СССР”. Während das erste Set russisch einsprachig ist, ist das zweite russisch/englisch/italienisch dreisprachig gehalten. Die Auflage/Тираж ist mit 370000 bzw. 400000 ungefähr gleich geblieben. Das 1981er Set hat das lange Ansichtskarten-Format (ca. 9x21cm) und laut Aufschrift darf man es nur in einem Umschlag verschicken/Отправлять только в конверте. Es beinhaltet 18 Karten und kostete mit 99 Kopeken mehr als das doppelte des 1972er Sets für 41 Kopeken.

Rückseite einer Ansichtskarte des Sets aus dem Jahr 1981

Rückseite einer Ansichtskarte des Sets aus dem Jahr 1981

Beispielhaft habe ich meine 3 Lieblingskarten aus dem Set/Комплект herausgenommen. Von den insgesamt 18 des Sets/Комплект habe ich 14. Laut der aufgedruckten Liste fehlen eine Ansicht des Autowerkes/На испытательном треке ВАЗа, das Einkaufszentrum der Autostadt/Торговый центр Автогрвда, Ansichten “Neue Familie, Jugendwohnheim, Kinder der Autostadt/Новая семья, Молодежное общежитие, Дети Автогрвда” und Ansichten des Wolgastrands/На городском пляже.

Wenn man davon ausgeht, dass eine bestimmte Person die 4 Karten aus dem Set/Комплект entnommen hat, was könnte man daraus schlussfolgern? Vielleicht ein Ingenieur, der vom Werk und dem modernen sowjetisch städtischen Leben begeistert ist? Jemand, der sich sowohl für Autos als auch für die sozialen Aspekte und die Freizeitmöglichkeiten der Stadt interessiert?

Die drei ausgewählten Karten zeigen den Sportpalast/Дворец спорта (oben), das Kino “Saturn”, Strasse der Revolution/Кинотеатр “Сатурн”, Ул. Революционная (mitte) und die Hauptproduktionslinie des Autowerkes/На главном конвейере ВАЗа (unten). Das Panorama-Format wird in dem Set/Комплект nur selten wirklich ausgenutzt, obwohl man damit eine monumentale Wirkung erreichen könnte. Ich vermute, dass die damaligen Kleinbild-Fotos nicht soviel Qualität erbracht haben, dass man durch Abschneiden oben und unten ein Panorama erzeugen konnte. Echte Panorama-Fotografie habe ich bei den Sowjetischen Ansichtskarten selten gesehen. Meist wird das lange Format einfach in 2 Teile geteilt. So kann man auch mehr Motive unterbringen.

In der Ansicht des Sportpalastes/Дворец спорта kommt das Panorama sehr gut zur Geltung. Der Himmel ist groß, das Gebäude dynamisch-wuchtig und das Feld davor weit. Ein diagonaler Trampelpfad zeugt von aneignender Nutzung sowjetisch rechtwinkliger Stadtplanung. Sicher hat der Fotograf oder der Verlag mit sich gerungen: Eine gute Abbildung der Architektur und eine lebendige Szene mit Menschen contra unerwünschtem und unsowjetischem Trampelpfad. Vielleicht spielte die Überlegung auch keine Rolle, da die in der Realität vorhandenen Trampelpfade mittlerweile im Sozialistischen Realismus angekommen waren. Die sichtbare Realität ist immer wieder ein Problem für ideologische Fotografie.

Der Sportpalast/Дворец спорта ist sicher in den 70ern erbaut worden. Auf der Karte ist der Architekt nicht erwähnt. Interessant finde ich die kleinen verstreuten Menschen, die auf dem Panorama etwas verloren wirken und den Sportpalast/Дворец спорта gigantisch groß erscheinen lassen. Der Trampelpfad sagt viel aus über die Sowjetische Befindlichkeit: Am Menschen vorbei geplant. Dennoch haben die Leute den kürzesten oder bequemsten Weg zu ihren Zielen gefunden.

Auffallend sind die roten Jacken und Kleider der abgebildeten Frauen. Ob vor dem Sportpalast/Дворец спорта oder vor dem Kino/Кинотеатр, Frau trägt rot. War rot gerade angesagt? Oder soll es tatsächlich die staatstragende Farbe wiedergeben? Oder ist es Zufall? Rot ist ebenso das gläserne Gebäude auf der Strasse der Revolution/Ул. Революционная. Und natürlich die Schigulis/Шигули auf dem Produktionsband. Das scheint kein Zufall zu sein.

Sportpalast in Togliatti - Detail

Sportpalast in Togliatti - Detail

Das Kino “Saturn”/Кинотеатр “Сатурн” ist wie der Sportpalast/Дворец спорта ein Betonklotz, aber die seitliche Fassade sieht recht verwegen und spacig aus. Und so verweisen der Name Saturn und das Emblem am Gebäude auch auf Weltraum und Fortschritt und das moderne Zeitalter. Gut gefällt mir auch die klare und unmissverständliche Aufschrift “Kino/Кинотеатр”. Schade, dass man nicht erkennen kann, welcher Film gerade läuft.

Kino in Togliatti - Detail

Kino in Togliatti - Detail

http://en.wikipedia.org/wiki/Tolyatti

Togliatti bei Google Maps

Thomas Neumann

"Meeres-Lager" in Artek

"Meeres-Lager" in Artek

Von Wyborg/Выборг (vgl. hier) zum Pionierlager Artek/Артек ist es weit. Aber vielleicht gibt es eine geheime Verbindung. Alvar Aaltos hatte im damals finnischen Wyborg von 1927-1935 die Bibliothek geplant und gebaut. Ebenso 1935 gründete er die Firma Artek: ” The founder Alvar and Aino Aalto, Maire Gullichsen and Nils-Gustav Hahl believed in a grand synthesis of the arts and wanted to make a difference in town planning as well as architecture and design.” (www.artek.fi/company)

Ob das 1925 auf der Krim in Gursuf/Гурзуф (http://de.wikipedia.org/wiki/Hursuf) gegründete “Internationale Pionierlager” Alvar Aalto zu seinem Firmennamen inspirierte, weiß ich nicht. Laut Bohdan Tscherkes kommt das Wort von dem kleinen Fluss und der Schlucht des Artek-Geländes. Auf Tatarisch heisst es Wachtel.

Die hier vorgestellte Postkarte wurde vom Kiewer Verlag Mistetztwo/Мистецтво (Ukrainisch für “Kunst”) herausgegeben. Eine Jahreszahl ist nicht angegeben – vermutlich 60er Jahre. Fotografiert wurde die Ansicht von I.R.Tunkel/И.Р.Тункель. Die Aufschrift auf der Rückseite ist auf Russisch/Ukrainisch/Englisch und besagt, dass es sich um ein Gebäude aus dem “Meeres Lager”/Морский лагерь handelt.

Rückseite der Karte

Rückseite der Karte

Das “Meeres Lager”/Морский лагерь wurde im Juli 1961 eingeweiht. Es bestand aus 7 Gebäuden für 500 Personen und steht dort, wo der Gründer Arteks Solowjow 1925 das erste Zelt für kranke Kinder aus Moskau und Iwanowo aufschlug.

Auf der Abbildung sieht das Gebäude sehr neu aus und die anwesenden Pioniere scheinen das Haus zurückhaltend zu begutachten. Nur ein paar wenige Leute, der Kleidung nach zu urteilen sind es Lehrer oder Erzieher, begehen das Gebäude. Die im Haus befindlichen Leute tragen keine Pionieruniformen und schauen auf die Kinder auf dem Vorplatz. Interessant finde ich die beiden Personen auf der 2. Etage, die sich von der Menge abwenden und separat stehen.

Artek - Detail

Artek - Detail

Der Fotograf scheint keinen besonderen Moment abgewartet zu haben. Eher wirkt die Situation als ob die Pioniere sich gerade zu einer Veranstaltung versammeln oder als ob eine kollektive Veranstaltung gerade zu Ende ging. Die Gruppe links im Bild hat eine rote Fahne – vielleicht es es aber auch eine Ungenauigkeit im Druck.

Das Pionierlager Artek ist aus verschiedenen Gründen zu Berühmtheit gelangt. Einerseits als kommunistisches Pionierlager, das noch auf den Ideen von Lenin und seinen frühen Gefährten beruht. Ausserdem stand es von Anfang an für Internationalität . Schon 1926 besuchte Clara Zetkin Artek mit einer deutschen Kindergruppe. Nach dem 2. Weltkrieg und dem Tod Stalins wurde architektonisch der Anschluss an die Moderne gesucht. Gerade für Artek wurden sehr elegante und moderne Lösungen gefunden. Der von Chruschtschow/Никита Сергеевич Хрущёв favorisierte Architekt Anatoli Poljanski/ Анатолий Трофимович Полянский (http://en.wikipedia.org/wiki/Anatoly_Polyanski) setzte die Pläne in der gewünschten industrialisierten Bauweise um und konnte somit beweisen, dass man auch in Modulbauweise vielseitige und abwechslungsreiche Gebäude bauen kann. Es wird davon ausgegangen, dass Poljanskis Planungen auf den 1937 gefertigten Skizzen von Iwan Leonidow/Иван Ильич Леонидов basieren. (http://en.wikipedia.org/wiki/Ivan_Leonidov).

Am Ende der Sowjetzeit bestand Artek aus 9 Lagern. Für die Pioniere aus aller Welt war es eine Auszeichnung dorthin in die Ferien entsandt zu werden. Früh übt sich wer ein guter Kommunist werden wollte.

http://de.wikipedia.org/wiki/Artek
http://www.suuk.su/inter_de/
http://www.baufachinformation.de/literatur.jsp?dis=2007039004720

Thomas Neumann

Bibliothek in Wyborg

Bibliothek in Wyborg

Auf den ersten Blick sieht diese Karte aus dem Wyborg-Set Выборг ganz typisch aus. Sie ist eine von 12 Karten, heraugegeben 1968 in einer Auflage von 25000 vom Verlag Lenisdat лениздат. Die städtische Zentralbibliothek, als eine wichtige Bildungsstätte auch in anderen Städte-Sets vertreten, ist abgebildet. Vermutlich ist die Karte etwas vergilbt, denn das Gebäude war/ist sicher weiß. Leider ist die Architektur vom Grün verdeckt. Die Sonne scheint und zwei ältere Damen kommen aus dem Gebäude. Sie sehen aus wie Mitarbeiterinnen – nach der Größe der Handtasche zu urteilen, scheinen sie keine Bücher ausgeliehen zu haben. Beide haben ein blaues Kleid an, was gut zu dem Grün-Gelb der gesamten Komposition passt. Obwohl das Gebäude weiß hinter dem Grün hervorleuchtet, ist die Fassade des Eingangsbereich schwarz bzw. dunkel. Durch den Schatten der Bäume fällt es zuerst kaum auf, aber es macht mich stutzig.

Der Stadtname Wyborg lässt mich aufhorchen – gab es da nicht mal eine Ausstellung im Gropiusbau? Die Künstlerin Liisa Roberts hatte zur Berlin Bienale 2004 ein Projekt zur Bibliothek in Wyborg gemacht. Es ist DIE berühmte Alvar Aalto Bibliothek! Von 1927-1935 im damals noch finnischen Viipuri erbaut. Auf der Karte selbst steht nichts von Alvar Aalto. Lediglich der Fotograf B. Lossin / Б. Лосин ist erwähnt. Entweder es war schlicht nicht bekannt, wer der Architekt war oder es wurde bewusst verschwiegen oder es wurde generell nicht für wichtig empfunden, wer der Architekt eines Gebäudes ist. Mir ist aufgefallen, dass auf Ansichtskarten der SU erst ab den 1980er Jahren gelegentlich die Namen der Architekten zu den abgebildeten Gebäuden erwähnt werden. Im Falle von Wyborg war es eventuell etwas besonders, da man mit dem finnischen Erbe umgehen musste. Aber wahrscheinlich fand keine große Auseinandersetzung statt, denn eine Bibliothek ist eine Bibliothek. Wenn sie gut aussieht und praktisch ist, umso besser. Das vom Grün umzingelte Gebäude scheint in einem guten Zustand zu sein. Immerhin ist es zum Zeitpunkt der Aufnahme (1968) schon 35 Jahre alt und hat den 2. WK hinter sich. Die grosse Fensterfront sieht original aus und verschafft dem dahinter liegenden Treppenhaus viel Licht. Immerhin wurde es nicht mit einem Glas-Mosaik oder, noch schlimmer, mit dicken Vorhänge verschandelt. Oben am Gebäude erkenne ich einen Handlauf. Vermutlich gibt es eine Dachterrasse. Ob die im kühlen Norden Europas soviel Sinn macht? Wahrscheinlich durfte sie sowieso nicht betreten werden.

Neben der Bibliothek sind noch der Kulturpark, der Lenin-Prospekt, das Peter I Denkmal, der Uhrturm, der Bahnhof, das Lenindenkmal, das Denkmal für die Finnischen Rotgardisten, das Haus Lenins, das Wyborger Schloss, eine Winteransicht des Parks Monrepo und eine Skulptur zum Sowjetischen Soldaten in dem Set verewigt. Ich habe das Set mit 11 Karten bekommen. Die Karte, die fehlt, ist das Wyborger Schloss. Vermutlich wurde das traditionell aussagekräftigste Motiv ausgewählt, um jemanden Grüße aus Wyborg zu senden. Zum Glück hat der- oder diejenige nicht die berühmte Bibliothek genommen – sonst hätte ich jetzt nicht diese historische Abbildung.

http://en.wikipedia.org/wiki/Vyborg_Library
http://www.alvaraalto.fi/viipuri/building.htm

Thomas Neumann

Abakan River Station

January 20, 2009

The Abakan river runs more than 500 kilometres accompanying the upper Yenisei and finally flowing into the Krasnoyarskoye reservoir feeding the Krasnoyarsk hydroelectric dam. Obviously the river is navigable and back in 1974, when the picture postcard shown was issued, was used by passenger ships or ferrys. Here we have the riverside station of Abakan, part of a postcard set of 12, issued by the publisher Sowjetskaja Rossia. Pictures are taken by D. Kritshewski.

Abakan River Station

Abakan River Station

Abakan Airport

January 20, 2009

The city of Abakan today is the largest in the Republic of Khakassia. It is located down south central in Siberia. Thinking of the distances one has to bridge in this geographic area, an airport is a must-have for most places and is crucial for public transportation. Abakan airport calls itself  “International” but this is mainly for cargo connections to China. For passengers Vladivostok air currently (season Winter 2008-2009) maintains a regular flight connection to Vladivostok and Moscow-Vnukovo.

Airport Abakan

Airport Abakan

Website City of Abakan (Russian)
– the Wikipedia on Abakan: englishrussiangerman
Abakan Airport