Der Tevelev-Platz in Charkiw

September 26, 2009

Greift die Ansichtskarte aus Bijsk ein schönes,  modernes Einzelgebäude und seine Nutzung als Motiv auf, präsentiert sich die Karte aus Charkiw / Харків als etwas uninspirierte Draufsicht auf den zentralen (Verkehrs)Platz des Stadt: dem Tevelev Platz / Площадь Тевелевa.

Charkov - Tevelev-Platz

Charkiw - Tevelev-Platz

Wer sich heute in die Nordost-Ecke der Ukraine aufmacht, um die zweitgrößte Stadt des Landes zu besuchen, findet freilich einen Platz dieses Namens nur ab und an in den Romanen Eduard Limonows, die der Besucher vielleicht aus einem Regal der berühmten Buchhandlung Дом со шпилем am sich in südlichen Richtung anschließenden Rosa-Luxemburg-Platz (Площадь Розы Люксембург) ziehen und durchblättern kann.

Den Namen “Tevelev”, der an eine Person namens M.S. Tevelev/ М. С. Тевелев  erinnern sollte, deren Ruhm als Untergrundkämpfer während desr Bürgerkriegs 1917/1918 nicht in die Allgemeinbildung auch von in der DDR Aufgewachsener vordrang, trug der wahrscheinlich älteste Platz der Stadt nur von 1919 bis 1975. Danach entpersonalisierte man den Stadtnamen und regionalisierte die Bezeichnung in Platz der Sowjetischen Ukraine/ Площадь Советской Украины. Da diese nicht allzu viel später die sowjetische Eigenschaft zugunsten eines rein Ukrainischen Charakters verlor, folgte alsbald die dritte Umbennung: Seit 1996 und bis heute heißt der vier Hektar große Platz im Herzen der Stadt Platz der Verfassung/Площадь Конституции.

Die Einordnung der Karte selbst bereitet mir etwas Schwierigkeiten, da die Metadaten in einer Form abgebildet werden, die Thomas sicherlich keine Probleme bereiten, mich aber vor gewisse Schwierigkeiten stellen. Als Fotograf ist immerhin М. Селюченка genannt, ein Name der in der Ukrainischen Fotografiegeschichte häufiger auftaucht. Ich füge die Rückseite der Ansichtskarte bei und hoffe natürlich auf eine Aufklärung seitens Thomas’.

Rückseite

Rückseite der Ansichtskarte

Das Motiv selbst macht einem die Datierung nicht sonderlich leicht, was z.T. der wirklich erbärmlichen Bildqualität geschuldet ist. Man sieht die Oberleitungen der Oberleitungsbusse und/oder Straßenbahnen, wobei keine Schienen sichtbar sind. Die Autos lassen auf die 1960er Jahre schließen. Das Gebäude auf der linken Seite ist das Haus der Wissenschaft und Technik / Дом науки и техники. Ein Großteil des Platzes erstreckt sich jenseits des rechten Bildrandes. Insofern täuscht die Aufnahme ein wenig über den eigentlichen Platzcharakter hinweg und reduzierte die Blickachse auf die Spuren des Durchgangsverkehrs von Nord nach Süd. Relativ mittig erkennt man das Gebäude der Stadtverwaltung in zeittypischer, neoklassizistisch angehauchter Türmchenarchitektur.

Der Platz erscheint als reiner Verkehrsplatz, die Fußgänger bleiben weitgehend auf den Trottoirs.  Dort jedoch herrscht offensichtlich recht emsiges Treiben, wobei die Richtung Schatten eine Aufnahme am Nachmittag nahelegen.  Die Kleidung der Pasanten ist z.T. frühlingshaft-sommerlich. Man erblickt Blusen, kurze Hosen und Röcke, hochgeschlagene Hemdärmel. Andererseits begegnen einem auch Mäntel und Jacken. Die Straßenbäume sind allesamt belaubt, allerdings – sofern die Farbgebung der Karte dies hergibt – grün. Man hat es also eher mit Mai statt mit September zu tun. Die große Hitze ist es noch nicht, aber vermutlich ein Sonnentag, an dem sich womöglich in den Schatten und am Abend noch Kühle ausbreitet.

Kharkov Detail

Charkiw Detail

Die gesamte Atmosphäre lässt auf Feierabendstimmung schließen. Einige der abgebildeten Personen tragen Einkaufstaschen, auf  der Karte entdeckt man mindestens zwei Mütter mit Kindern, am linken Bildrand des obigen Ausschnitts erkennt drei vermutlich jüngere Menschen im Gespräch. Der Autoverkehr spricht nicht unbedingt für eine Rush Hour, was u.U. aber einfach an der vergleichsweise niedrigen Motorisierungsrate lag. Zudem sieht man rechts über dem blauen Omnibus hinter den Bäumen in der großen Ansicht ein Parkverbotsschild. Mit zwei U-Bahnlinien ist der Tevelev-Platz auch recht gut durch den öffentlichen Nahverkehr erschlossen. Aller Vermutung nach befindet sich rechts nahezu direkt jenseits des Bildausschnitts eine Treppe, die in die Tiefe und zur U-Bahn führt.

Dies alles ist als Mutmaßung ohne jede reale Ortskenntnis aus der Karte gelesen. Falls Korrekturen oder Anmerkungen angebracht scheinen, bitte ich um Benutzung des Kommentarfeldes.

In jedem Fall ist an diesem Beispiel der sowjetischen Ansichtskartengeschichte deutlich zu erkennen, wie man Stadtansichten in ihrer Alltäglichkeit zu inszenieren versucht. Dabei stellt man in diesem Beispiel fernab jeder baulichen oder skulpturalen Repräsentation, die an diesem Platz zweifellos zu finden sind, einen asphaltierten Platz in die Mitte, der von einigen sehr eindrucksvollen, aber an den Rand gerückten Gebäude eingegrenzt ist, immerhin zur rechten Seite hin eine weitere Öffnung andeutet und ansonsten von einer mit Oberleitungen umbundenen Laterne im Bildvordergrund eine recht ungewöhnliche Dominante erhält. Es ging bei dieser Ansichtskarteausgabe ganz offensichtlich um die Abbildung eines tatsächlichen und nicht sonderlich aufregenden Straßenbildes im Zentrum einer Stadt, die immerhin das bedeutenste Industriezentrum der Region war und ist. Für die Sowjetunion war die Stadt mit dem Завод имени Малышева ein Herzstück ihrer Rüstungsindustrie, wurde ihr doch ein Großteil der Panzer für die Rote Armee gebaut. Auch diese Tradition lebt bis heute fort. In der friedlichen Stimmung auf dem zentralen Platz der Stadt ist davon freilich nichts zu sehen. Es ist diese Alltäglichkeit, die Ansichtskarte aus Charkow mit der Bijsk und sehr, sehr vielen weiteren sowjetischen Ausgaben verbindet.

Update 30.09. 2009

Von Thomas habe ich mittlerweile die korrekten Metadaten erhalten:

Verlag: Радяньска Украйна / Radyanska Ukraina (wird meist РУ/RU abgekürzt)
Auflage: 155000
Erscheinungsjahr: vermutlich 1969
Fotograf: M. Seljutschenko / М. Селюченка
Die U-Bahn wurde anscheinend erst in den 1970ern gebaut, weshalb die Vermutung mit dem U-Bahn-Eingang wohl buchstäblich ins Leere läuft.

Ben Kaden

Charkiw in der Wikipedia

Charkiw bei Google-Maps

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Der Titel “Moskau, Schwimmbad MOSKWA/Плавательный бассейн МОСКВА” lässt erstmal nichts besonderes ahnen. Auffällig für einen aufmerksamen Sammler ist vielleicht, dass diese Ansicht Moskaus sehr selten auf einer Postkarte zu finden ist. Ein Schwimmbad ist natürlich auch keine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit für die Hauptstadt der damaligen Sowjetunion. Wer sich geografisch in Moskau etwas auskennt, wundert sich daher vielleicht, dass sich so ein großes Schwimmbad mitten im Zentrum, direkt in der Nachbarschaft des Kremls befindet.

Schwimmbad in Moskau

Das Schwimmbad am Kreml - Panorama

Die erste Karte ist eine Panorama-Ansicht, denn das Freibad mit einem Durchmesser von ca. 130 m muss man erstmal auf ein Foto bannen. Das Schwimmbad wurde 1960 eröffnet und ich vermute, dass die gezeigte Ansichtskarte kurz darauf veröffentlicht wurde. Die seitlichen Gebäude und die Masten mit den Lampen sehen noch nagelneu aus. Links im Hintergrund sieht man das “Haus der Regierung/Дом правительства”, das selbst sich eine imposante und erzählenswerte, eigene Geschichte hat. Schön finde ich die kleinen über das Bild verstreuten roten Farbtupfer, seien es Sonnenschirme oder Hinweistafeln oder Kleidungsstücke. Diese Ansichtskarte stammt aus einem Set von 32 Karten aus dem Verlag Progress/Прогресс. Angaben zum Veröffentlichungsjahr, zur Auflage, zum Fotografen fehlen, dafür sind die Aufschriften auf den Postkarten in 5 Sprachen verfasst: Russisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch.

Rückseite Karte 2

Die Tschechische Beschreibung einer sowjetischen Badeanstalt

Die zweite Ansicht wurde 1964 in der Tschechoslowakei von der staatlichen Bildagentur Pressfoto herausgegeben. Auch hier sind die Angaben zum Fotografen unklar – es ist lediglich die sowjetische Nachrichtenagentur TASS/ТАСС erwähnt. Die Aufschrift besagt überschwänglich, dass man das ganze Jahr unter freiem Himmel baden kann, denn die gesamte Anlage, in der 2000 Leute schwimmen können, ist beheizt. Sogar Solarien gibt es.

Schwimmbad in Moskau

Das Schwimmbad in Moskau in der Prager Ausgabe

Das Foto zeigt nur etwa die Hälfte des Schwimmbades, dafür erlaubt sie aber einen recht guten Blick in die Umgebung: rechts wieder das “Haus der Regierung/Дом правительства”, hinten links den Kreml mit seinen Wachtürmen und dazwischen der Fluß Moskwa, der sich durch die Stadt wälzt. Im Gegensatz zu vielen Sowjetischen AK ist diese wunderbar scharf (eine Echtfoto-AK!). So kann man schön die jungen Bäume an der Ufer-Strasse  und die eigene Bootsanlegestelle von dem “Haus der Regierung/Дом правительства” erkennen. Und natürlich das Schwimmbad selbst mit seinen vielen Besuchern. Überfüllt erscheint es mir nicht, dennoch gibt es rechts im Bild eine Schlange zu sehen. Die auf der ersten Karte zu erkennenden, dort roten, Sonnenschirme sehe ich auf dieser s/w Karte nicht mehr.

Anstehen

Anstehen

Nach den beiden Männern auf der dritten Karte zu urteilen, muss dieses Foto in einer kühlen Jahreszeit aufgenommen worden sein. Die Bäume, die man im Hintergrund erkennen kann, sehen herbstlich, winterlich aus. Allerdings liegt kein Schnee. Die Bildqualität ist vergleichsweise deutlich gröber.

Ansicht 3 - Detail

Zwei Herren im Mantel am Beckenrand - was auch immer man mit solch einem Anblick in Moskau assoziiert, hier dient es zunächst einmal zum Rückschluss auf die Witterung.

So ein großes Freibad zu beheizen muss sicherlich enorm viel Energie verbraucht haben. An dieser Stelle wurde nicht gespart: Alles für das Wohl des Volkes. Wenn ich die Angaben auf der Karte richtig deute, wurde die Karte im Ministerium für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР im November 1964 herausgegeben.

Schwimmbad in Moskau

Mit Abstand betrachtet verschwimmt auch in diesem Fall alles in geordneten Bahnen.

Das Farbfoto stammt von P.I. Smoljakow/П.И.Смоляков. Übrigens sieht man an der Karte die alte Rückseitengestaltung des Ministeriums für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР bevor sie in den 70ern auf Maschinenlesbarkeit umgestellt wurde und somit etwas Charme verlor.

Rückseite Karte 3

Dieser Gruß ging nach Prag. Eine Erläuterung zur Briefmarke erfolgt demnächst an anderer Stelle.

–> zur anderen Stelle.

Die 1960er waren die Blütezeit der Sowjetunion. Mit Chruschtschows/Н.С.Хрущёв Tauwetter löste sich die Erstarrung der Stalinzeit. Im kulturellen und auch wirtschaftlichen Bereich wurden vielerlei Neuanfänge gewagt. Inzwischen hatten sich die industriellen Großprojekte, wie Kraftwerke, Kombinate, Bergwerke, Eisenbahnverbindungen, die unter Stalin in Gulag-Sklavenarbeit umgesetzt wurden, als Infrastrukturmaßnahme zu rentieren begonnen. Der Wirtschaftsmotor brummte, man bekam allseits ein Gefühl für den Fortschritt (vermittelt), die Sowjetunion hatte die Nase vorn bzw. den Sputnik, einen Hund (Laika), zwei weitere Hunde (Belka und Strelka) und schließlich einen Menschen vor den USA im Weltraum. Somit ist ein ganzjährig benutzbares, riesiges beheizbares Schwimmbad mitten in Moskau kein Problem, sondern eher Ausdruck des Selbstverständnisses, eine Weltmacht zu sein.

Dass sich an dieser Stelle einmal ein Schwimmbad befinden würde, hatte ursprünglich niemand geahnt oder gar geplant. Bis in das 19. Jahrhundert hinein stand dort ein Frauenkloster. Dieses musste im 19ten Jahrhundert dem Großprojekt der Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя  weichen. Allerdings zogen sich deren Bauarbeiten etwa 4 Jahrzehnte hin, so dass man die Eröffnung erst 1883 vollziehen konnte. Die Bolschewiken der 1920er Jahre fanden nicht soviel Gefallen an ihr und im Zuge Stalins Megalomanie entstanden Planungen für einen “Palast der Sowjets/Дворец Советов” an ihrer Stelle. Es sollte mit 415 m das höchste Gebäude der Welt werden. In dem Planungsprozess konnte man gut die verschiedenen architektonischen Strömungen dieser Zeit und auch den Wechsel der politischen Richtung ablesen. Die Internationalisierung des Kommunismus wurde zu Gunsten einer innersowjetischen Konsolidierung zurückgestellt, die avantgardistischen Ideen der 1920er Jahre – etwa von Wladimir Tatlin oder El Lissitzki – sollten sich in diesem Umfeld nicht mehr behaupten können gegen die protzig-größenwahnsinnigen Entwürfe, die eher den Geschmack Stalins trafen und sieben Turmbauten (manchmal despektierlich “Stalinfinger” genannt) hervorbrachten. 1931 wurde die Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя gesprengt. Der “Palast der Sowjets/Дворец Советов” sollte ganz Moskau, also auch die “Schwestern”, überragen und neben der Metro zum Ausdruck der Architektur gewordenen kommunistischen Ideale werden. Wie schon beim Bau der Kathedrale stieß man auf Probleme mit dem Untergrund. Die Bauarbeiten verzögerten sich, die Eskalation der Stalinistischen Säuberungspolitik ab Mitte der 1930er Jahre tat ihr übriges und als man schließlich nach der Endfassung des Entwurfes von 1939 begann, die Fundamente zu gießen, brach der II. Weltkrieg über die Sowjetunion hinein. Nach Stalins Tod wurde das Projekt schließlich grundsätzlich in Frage gestellt.

Da die Fundamente nun schon mal da waren, wurde pragmatisch entschieden, daraus ein – im Winter dampfbeheiztes –  Freibad zu bauen. Eine ungewöhnliche Entscheidung. Wahrscheinlich ist  diese offensichtliche Verlegenheitslösung auch der Grund, warum es so wenig Ansichtskaten von diesem besonderen Schwimmbad gibt. Letztlich ist es der Platz des gescheiterten “Palast der Sowjets/Дворец Советов” und der gesprengten Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя. Trotz der wunderbaren Idee mit dem geheizten Freibad sollten eventuelle unerwünschte Erinnerungen nicht extra – analog zu den berühmten schlafenden Hunden, derer Bild die sowjetische Politik bekanntlich sehr verinnerlicht hatte –  geweckt werden. Der Umbau zum Freibad dauerte zwei Jahre und 1960 konnte das Bad in Betrieb genommen werden. Bis 1993 schwammen dort zu jeder Jahreszeit eine Menge Menschen. Während der Perestroika besann man sich auf alte vorrevolutionäre Werte, und das Schwimmbad MOSKWA/Плавательный бассейн МОСКВА wurde wiederum zurück- und die Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя zur 850-Jahr-Feier der Stadt Moskau wieder aufgebaut – zu einem Schätzpreis von 1,5 Milliarden Dollar (u.a. dank der vergoldeten Kuppel).  Somit schliesst sich der Kreis vorerst.

Thomas Neumann (Bearbeitung: Ben Kaden)

– der Standort bei Google-Maps

“Für Frantischek – Zur Erinnerung an Galina/На память Франтишеку от Галины” wurde in sauberer Schönschrift auf die Rückseite der Ansichtskarte geschrieben. Kommt Galina aus Tetjucha/Тетюха? War Frantischek dort zu Besuch? Waren es Schüler, Studenten, Erwachsene? Stammt die Karte aus einem persönlichem Treffen oder aus einer offiziellen Sowjetisch-Tschechoslowakischen Brieffreundschaft? Hat Frantischek geantwortet?

Ansichtskarte Tetjuscha - Rückseite

Ansichtskarte Tetjuscha - Rückseite

Die Karte wurde 1961 in einer Auflage von 20000 in dem Primorski Buchverlag/Приморское книжное издательство herausgegeben. Das Foto stammt von N. Nasarow/Н. Назаров und gedruckt wurde sie in Wladivostok/Владивосток. Herausgegeben wurde die Karte vor der Umbenennung von Tetjucha/Тетюха in Dalnegorsk/Далнегорск im Jahre 1972. Aufgrund der politischen Spannungen zwischen der Sowjetunion und China Ende der 60er Jahre wurden aus dem Chinesisch stammende geografische Bezeichnungen in dieser Zeit russifiziert. So wurde auch der Fluss Tetjuche/Тетюхe in Rudnaja/Рудная umbenannt.

Kulturpalast Tetjucha

Kulturpalast Tetjucha

Zu sehen ist der Kulturpalast der kleinen Stadt im Fernen Osten. Im Vordergrund fliesst vermutlich der Fluss Tetjuche/Тетюхe. Der Kulturpalast ist ein typischer Bau der Stalinzeit im Neoklassizistischem Look. Die Front bildet einen Querriegel, vor dem sich eine Säulenfront mit Tympanon mit einem eingelassenen Dreieck befindet. Hinter dem Vordergebäude ist ein Längsriegel, der sicherlich als Mehrzweckraum für Kino, Versammlung, Theater fungierte. Zwischen den Frontsäulen befinden sich 2 Skulpturen – es könnte ein Mann und eine Frau sein. Im Eingangsbereich sind Plakate angebracht und oben auf dem Dach ist eine Antenne oder ein überdimensionerter Blitzableiter. Vielleicht gab es einen Zirkel “Junger Funker”. Immerhin liegt Tetjucha/Тетюха ziemlich abgelegen – etwa 500 km von Wladivostok/Владивосток entfernt. Vor dem Palast liegt ein solide umzäunter Park mit einem Monument. Es ist eine Büste, die in Richtung Kulturpalast schaut. Soweit man es auf der Karte erkennen und aus der Kopfform schließen kann, scheint es ein männlicher Held zu sein. Ob es Lenin ist oder eine lokale Persönlichkeit?

Das Denkmal könnte Jules Bryner/Юлий Иванович Бринер (1849 Möriken, Schweiz-1920 Wladivostok) gewidmet sein. Mit 16 Jahren verliess er sein Schweizer Heimatdorf. Als Abenteurer und später Kaufmann kam er über Shanghai und Yokohama in den 1880ern nach Wladivostok/Владивосток. Er heiratet die Tochter eines Mongolischen Khans mit dem russifizierten Namen Kurkutowa/Куркутова. Um 1908 gründet er den Blei- und Zinkbergbau in der kleinen Siedlung Tetjucha/Тетюха. Er beschäftigt sich außerdem mit Holzverarbeitung auf Sachalin und dem Kohlebergbau. Als Mitglied der Russischen Geografischen Gesellschaft, Gründer der Ussuri Bergbau Aktiengesellschaft und Gründer eines Museums für das Amur-Gebietes war er wesentlich in die wirtschaftliche Entwicklung dieser Region involviert. Eine Strasse in Wladivostok/Владивосток ist nach ihm benannt. Nach seinem Tod übernimmt sein Sohn Boris die Geschäfte. Noch bis 1931 bleiben seine Betriebe im Privatbesitz, was für die junge Sowjetunion unüblich ist. 1930 wird Tetjucha/Тетюха zur Stadt. 1959 hat sie 17900 Einwohner, 1989 – 49000, 2007 – 37000.

Zum Sowjetischen Erbe gehört leider, dass das heutige Dalnegorsk/Далнегорск zu den 30 verschmutztesten Orten der Welt zählt.
Boris Bryner/Борис Бринер und seine Frau bekommen 1920 in Wladivostok/Владивосток einen Sohn namens Yul Bryner/Юл Борисович Бринер. Die Wirren der Zeit und familiäre Umstände bringen den jungen Yul Bryner/Юл Борисович Бринер über Charbin nach Paris und weiter nach Hollywood. In der USA kommt ein zweites N in den Namen. Yul Brynner, der berühmte Schauspieler, betritt die Bühnen der Welt und ist ein gefragter Kinostar, der die Frauen betört und mit seinem markanten Auftreten viele Filme prägt. Um seiner fernöstlichen Herkunft ranken sich diverse Legenden.

1967 besucht er Möriken, den Geburtstort seines Großvaters, der fast genau 100 Jahre vorher das kleine Schweizer Dorf verlassen hatte. Ob Yul Brynner gelegentlich das Sowjetische Tetjucha/Тетюха besucht hat, ist eher unwahrscheinlich. Allerdings hat wiederum sein Sohn Rock Brynner Tetjucha/Тетюха bzw. Dalnegorsk/Далнегорск beehrt.

Thomas Neumann

http://en.wikipedia.org/wiki/Dalnegorsk

http://de.wikipedia.org/wiki/Yul_Brynner

Tetjucha/Dalnegorsk bei Google Maps

Bibliothek in Wyborg

Bibliothek in Wyborg

Auf den ersten Blick sieht diese Karte aus dem Wyborg-Set Выборг ganz typisch aus. Sie ist eine von 12 Karten, heraugegeben 1968 in einer Auflage von 25000 vom Verlag Lenisdat лениздат. Die städtische Zentralbibliothek, als eine wichtige Bildungsstätte auch in anderen Städte-Sets vertreten, ist abgebildet. Vermutlich ist die Karte etwas vergilbt, denn das Gebäude war/ist sicher weiß. Leider ist die Architektur vom Grün verdeckt. Die Sonne scheint und zwei ältere Damen kommen aus dem Gebäude. Sie sehen aus wie Mitarbeiterinnen – nach der Größe der Handtasche zu urteilen, scheinen sie keine Bücher ausgeliehen zu haben. Beide haben ein blaues Kleid an, was gut zu dem Grün-Gelb der gesamten Komposition passt. Obwohl das Gebäude weiß hinter dem Grün hervorleuchtet, ist die Fassade des Eingangsbereich schwarz bzw. dunkel. Durch den Schatten der Bäume fällt es zuerst kaum auf, aber es macht mich stutzig.

Der Stadtname Wyborg lässt mich aufhorchen – gab es da nicht mal eine Ausstellung im Gropiusbau? Die Künstlerin Liisa Roberts hatte zur Berlin Bienale 2004 ein Projekt zur Bibliothek in Wyborg gemacht. Es ist DIE berühmte Alvar Aalto Bibliothek! Von 1927-1935 im damals noch finnischen Viipuri erbaut. Auf der Karte selbst steht nichts von Alvar Aalto. Lediglich der Fotograf B. Lossin / Б. Лосин ist erwähnt. Entweder es war schlicht nicht bekannt, wer der Architekt war oder es wurde bewusst verschwiegen oder es wurde generell nicht für wichtig empfunden, wer der Architekt eines Gebäudes ist. Mir ist aufgefallen, dass auf Ansichtskarten der SU erst ab den 1980er Jahren gelegentlich die Namen der Architekten zu den abgebildeten Gebäuden erwähnt werden. Im Falle von Wyborg war es eventuell etwas besonders, da man mit dem finnischen Erbe umgehen musste. Aber wahrscheinlich fand keine große Auseinandersetzung statt, denn eine Bibliothek ist eine Bibliothek. Wenn sie gut aussieht und praktisch ist, umso besser. Das vom Grün umzingelte Gebäude scheint in einem guten Zustand zu sein. Immerhin ist es zum Zeitpunkt der Aufnahme (1968) schon 35 Jahre alt und hat den 2. WK hinter sich. Die grosse Fensterfront sieht original aus und verschafft dem dahinter liegenden Treppenhaus viel Licht. Immerhin wurde es nicht mit einem Glas-Mosaik oder, noch schlimmer, mit dicken Vorhänge verschandelt. Oben am Gebäude erkenne ich einen Handlauf. Vermutlich gibt es eine Dachterrasse. Ob die im kühlen Norden Europas soviel Sinn macht? Wahrscheinlich durfte sie sowieso nicht betreten werden.

Neben der Bibliothek sind noch der Kulturpark, der Lenin-Prospekt, das Peter I Denkmal, der Uhrturm, der Bahnhof, das Lenindenkmal, das Denkmal für die Finnischen Rotgardisten, das Haus Lenins, das Wyborger Schloss, eine Winteransicht des Parks Monrepo und eine Skulptur zum Sowjetischen Soldaten in dem Set verewigt. Ich habe das Set mit 11 Karten bekommen. Die Karte, die fehlt, ist das Wyborger Schloss. Vermutlich wurde das traditionell aussagekräftigste Motiv ausgewählt, um jemanden Grüße aus Wyborg zu senden. Zum Glück hat der- oder diejenige nicht die berühmte Bibliothek genommen – sonst hätte ich jetzt nicht diese historische Abbildung.

http://en.wikipedia.org/wiki/Vyborg_Library
http://www.alvaraalto.fi/viipuri/building.htm

Thomas Neumann