Schwimmbad MOSKWA/Плавательный бассейн МОСКВА

September 10, 2009

Der Titel “Moskau, Schwimmbad MOSKWA/Плавательный бассейн МОСКВА” lässt erstmal nichts besonderes ahnen. Auffällig für einen aufmerksamen Sammler ist vielleicht, dass diese Ansicht Moskaus sehr selten auf einer Postkarte zu finden ist. Ein Schwimmbad ist natürlich auch keine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit für die Hauptstadt der damaligen Sowjetunion. Wer sich geografisch in Moskau etwas auskennt, wundert sich daher vielleicht, dass sich so ein großes Schwimmbad mitten im Zentrum, direkt in der Nachbarschaft des Kremls befindet.

Schwimmbad in Moskau

Das Schwimmbad am Kreml - Panorama

Die erste Karte ist eine Panorama-Ansicht, denn das Freibad mit einem Durchmesser von ca. 130 m muss man erstmal auf ein Foto bannen. Das Schwimmbad wurde 1960 eröffnet und ich vermute, dass die gezeigte Ansichtskarte kurz darauf veröffentlicht wurde. Die seitlichen Gebäude und die Masten mit den Lampen sehen noch nagelneu aus. Links im Hintergrund sieht man das “Haus der Regierung/Дом правительства”, das selbst sich eine imposante und erzählenswerte, eigene Geschichte hat. Schön finde ich die kleinen über das Bild verstreuten roten Farbtupfer, seien es Sonnenschirme oder Hinweistafeln oder Kleidungsstücke. Diese Ansichtskarte stammt aus einem Set von 32 Karten aus dem Verlag Progress/Прогресс. Angaben zum Veröffentlichungsjahr, zur Auflage, zum Fotografen fehlen, dafür sind die Aufschriften auf den Postkarten in 5 Sprachen verfasst: Russisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch.

Rückseite Karte 2

Die Tschechische Beschreibung einer sowjetischen Badeanstalt

Die zweite Ansicht wurde 1964 in der Tschechoslowakei von der staatlichen Bildagentur Pressfoto herausgegeben. Auch hier sind die Angaben zum Fotografen unklar – es ist lediglich die sowjetische Nachrichtenagentur TASS/ТАСС erwähnt. Die Aufschrift besagt überschwänglich, dass man das ganze Jahr unter freiem Himmel baden kann, denn die gesamte Anlage, in der 2000 Leute schwimmen können, ist beheizt. Sogar Solarien gibt es.

Schwimmbad in Moskau

Das Schwimmbad in Moskau in der Prager Ausgabe

Das Foto zeigt nur etwa die Hälfte des Schwimmbades, dafür erlaubt sie aber einen recht guten Blick in die Umgebung: rechts wieder das “Haus der Regierung/Дом правительства”, hinten links den Kreml mit seinen Wachtürmen und dazwischen der Fluß Moskwa, der sich durch die Stadt wälzt. Im Gegensatz zu vielen Sowjetischen AK ist diese wunderbar scharf (eine Echtfoto-AK!). So kann man schön die jungen Bäume an der Ufer-Strasse  und die eigene Bootsanlegestelle von dem “Haus der Regierung/Дом правительства” erkennen. Und natürlich das Schwimmbad selbst mit seinen vielen Besuchern. Überfüllt erscheint es mir nicht, dennoch gibt es rechts im Bild eine Schlange zu sehen. Die auf der ersten Karte zu erkennenden, dort roten, Sonnenschirme sehe ich auf dieser s/w Karte nicht mehr.

Anstehen

Anstehen

Nach den beiden Männern auf der dritten Karte zu urteilen, muss dieses Foto in einer kühlen Jahreszeit aufgenommen worden sein. Die Bäume, die man im Hintergrund erkennen kann, sehen herbstlich, winterlich aus. Allerdings liegt kein Schnee. Die Bildqualität ist vergleichsweise deutlich gröber.

Ansicht 3 - Detail

Zwei Herren im Mantel am Beckenrand - was auch immer man mit solch einem Anblick in Moskau assoziiert, hier dient es zunächst einmal zum Rückschluss auf die Witterung.

So ein großes Freibad zu beheizen muss sicherlich enorm viel Energie verbraucht haben. An dieser Stelle wurde nicht gespart: Alles für das Wohl des Volkes. Wenn ich die Angaben auf der Karte richtig deute, wurde die Karte im Ministerium für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР im November 1964 herausgegeben.

Schwimmbad in Moskau

Mit Abstand betrachtet verschwimmt auch in diesem Fall alles in geordneten Bahnen.

Das Farbfoto stammt von P.I. Smoljakow/П.И.Смоляков. Übrigens sieht man an der Karte die alte Rückseitengestaltung des Ministeriums für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР bevor sie in den 70ern auf Maschinenlesbarkeit umgestellt wurde und somit etwas Charme verlor.

Rückseite Karte 3

Dieser Gruß ging nach Prag. Eine Erläuterung zur Briefmarke erfolgt demnächst an anderer Stelle.

–> zur anderen Stelle.

Die 1960er waren die Blütezeit der Sowjetunion. Mit Chruschtschows/Н.С.Хрущёв Tauwetter löste sich die Erstarrung der Stalinzeit. Im kulturellen und auch wirtschaftlichen Bereich wurden vielerlei Neuanfänge gewagt. Inzwischen hatten sich die industriellen Großprojekte, wie Kraftwerke, Kombinate, Bergwerke, Eisenbahnverbindungen, die unter Stalin in Gulag-Sklavenarbeit umgesetzt wurden, als Infrastrukturmaßnahme zu rentieren begonnen. Der Wirtschaftsmotor brummte, man bekam allseits ein Gefühl für den Fortschritt (vermittelt), die Sowjetunion hatte die Nase vorn bzw. den Sputnik, einen Hund (Laika), zwei weitere Hunde (Belka und Strelka) und schließlich einen Menschen vor den USA im Weltraum. Somit ist ein ganzjährig benutzbares, riesiges beheizbares Schwimmbad mitten in Moskau kein Problem, sondern eher Ausdruck des Selbstverständnisses, eine Weltmacht zu sein.

Dass sich an dieser Stelle einmal ein Schwimmbad befinden würde, hatte ursprünglich niemand geahnt oder gar geplant. Bis in das 19. Jahrhundert hinein stand dort ein Frauenkloster. Dieses musste im 19ten Jahrhundert dem Großprojekt der Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя  weichen. Allerdings zogen sich deren Bauarbeiten etwa 4 Jahrzehnte hin, so dass man die Eröffnung erst 1883 vollziehen konnte. Die Bolschewiken der 1920er Jahre fanden nicht soviel Gefallen an ihr und im Zuge Stalins Megalomanie entstanden Planungen für einen “Palast der Sowjets/Дворец Советов” an ihrer Stelle. Es sollte mit 415 m das höchste Gebäude der Welt werden. In dem Planungsprozess konnte man gut die verschiedenen architektonischen Strömungen dieser Zeit und auch den Wechsel der politischen Richtung ablesen. Die Internationalisierung des Kommunismus wurde zu Gunsten einer innersowjetischen Konsolidierung zurückgestellt, die avantgardistischen Ideen der 1920er Jahre – etwa von Wladimir Tatlin oder El Lissitzki – sollten sich in diesem Umfeld nicht mehr behaupten können gegen die protzig-größenwahnsinnigen Entwürfe, die eher den Geschmack Stalins trafen und sieben Turmbauten (manchmal despektierlich “Stalinfinger” genannt) hervorbrachten. 1931 wurde die Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя gesprengt. Der “Palast der Sowjets/Дворец Советов” sollte ganz Moskau, also auch die “Schwestern”, überragen und neben der Metro zum Ausdruck der Architektur gewordenen kommunistischen Ideale werden. Wie schon beim Bau der Kathedrale stieß man auf Probleme mit dem Untergrund. Die Bauarbeiten verzögerten sich, die Eskalation der Stalinistischen Säuberungspolitik ab Mitte der 1930er Jahre tat ihr übriges und als man schließlich nach der Endfassung des Entwurfes von 1939 begann, die Fundamente zu gießen, brach der II. Weltkrieg über die Sowjetunion hinein. Nach Stalins Tod wurde das Projekt schließlich grundsätzlich in Frage gestellt.

Da die Fundamente nun schon mal da waren, wurde pragmatisch entschieden, daraus ein – im Winter dampfbeheiztes –  Freibad zu bauen. Eine ungewöhnliche Entscheidung. Wahrscheinlich ist  diese offensichtliche Verlegenheitslösung auch der Grund, warum es so wenig Ansichtskaten von diesem besonderen Schwimmbad gibt. Letztlich ist es der Platz des gescheiterten “Palast der Sowjets/Дворец Советов” und der gesprengten Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя. Trotz der wunderbaren Idee mit dem geheizten Freibad sollten eventuelle unerwünschte Erinnerungen nicht extra – analog zu den berühmten schlafenden Hunden, derer Bild die sowjetische Politik bekanntlich sehr verinnerlicht hatte –  geweckt werden. Der Umbau zum Freibad dauerte zwei Jahre und 1960 konnte das Bad in Betrieb genommen werden. Bis 1993 schwammen dort zu jeder Jahreszeit eine Menge Menschen. Während der Perestroika besann man sich auf alte vorrevolutionäre Werte, und das Schwimmbad MOSKWA/Плавательный бассейн МОСКВА wurde wiederum zurück- und die Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя zur 850-Jahr-Feier der Stadt Moskau wieder aufgebaut – zu einem Schätzpreis von 1,5 Milliarden Dollar (u.a. dank der vergoldeten Kuppel).  Somit schliesst sich der Kreis vorerst.

Thomas Neumann (Bearbeitung: Ben Kaden)

– der Standort bei Google-Maps

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