Archangelsk/Архангельск

August 24, 2009

Diese Karte ist mir ob ihrer Schlichtheit und Klarheit aufgefallen. Das dünne lapidare Papier und die nicht gerade berauschende Abbildungsqualität machten mich Neugierig. Und tatsächlich hat sie etwas Besonderes. Sie wurde von einem Артель ФОТО/FOTO Genossenschaft in einer sehr kleinen Auflage von 1880 Exemplaren im Jahre 1956 herausgegeben. Produziert wurde sie als sogenannte “Echt-Foto-Postkarte” (siehe dazu auch Erasmus Schröters Buch über die Echt-Foto-Postkarten der DDR). Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, gab es die FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО nur bis in die 50er Jahre hinein. Das waren Zusammenschlüsse von lokalen Fotografen, die auf einfache Art und Weise Ansichtskarten in geringer Auflage herstellten. Meist arbeiteten sie in Touristengebieten (Krim/Крим, Sotschi/Сочи, Kaukasus/Кавказ), wo sie die ohnehin raren Ansichtskarten problemlos verkaufen konnten. In der Regel waren es Amateure, die sich auf diese Weise in der Nachkriegs-Sowjetunion Geld dazuverdienten.

Артель ФОТО 1956

Артель ФОТО 1956

Manchmal taucht auch die Bezeichnung Артель инвалидов/ Invaliden Genossenschaft auf. Das waren Kriegsversehrte, die sich eine Jobmöglichkeit schufen. Insofern sind die meisten der von FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО hergestellten Ansichtskarten etwas verkitscht, oft sind es auch Grußkarten mit einem Spruch versehen oder süße Aufnahmen von Kindern oder Katzen. Zum Teil wurden sie koloriert. Trotz der geringen Qualität dieser Ansichtskarten muss man feststellen, dass sie sich an marktwirtschaftlichen Aspekten, also an der Verkaufbarkeit orientierten, was man von späteren farbigen “typisch” Sowjetischen Ansichtskarten nicht unbedingt sagen kann.
Gegen Ende der 50er Jahre scheinen die FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО zu verschwinden. Die stärkere Zentralisierung der Ansichtskarten-Verlage in der Sowjetunion und ein ausgeprägteres Bewusstsein für die Wirkungsmacht von Ansichtskarten mögen Gründe zur strengeren Kontrolle der FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО gewesen sein, die am Ende zu deren Schließung führte. Vermutlich wurde auch die genossenschaftliche Eigeninitiative der beteiligten Leute argwöhnisch von “oben” beäugt und mit dem Argument der fehlenden Professionalität sicherheitshalber gestoppt.

Interessant ist ein Preisvergleich. Die 1956 von der FOTO Genossenschaft/Артель ФОТО herausgegebene Karte war mit 75 Kopeken recht teuer. Eine ebenso s/w Karte von Archangelsk/Архангельск aus dem Jahr 1961 kostete nur 8 Kopeken (Auflage 20000 Stück, hergestellt in fernen Rostow a. Don/Ростов на Дону!). Und die 1966 vom großen Verlag “Sowjetischer Künstler/Советский художник” publizierte Karte kostete nur 1 Kopeke. Durch die Zentralisierung wurde nicht nur eine stärkere Überwachung ermöglicht, sondern es ergaben sich auch Synergie-Effekte und damit eine höhere Effizienz.

Die hier besprochene Ansichtskarte aus Archangelsk/Архангельск fällt etwas aus dem üblichen FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО Rahmen heraus. Archangelsk/Архангельск ist keine Touristenstadt und die Ansicht zeigt keine berühmte Sehenswürdigkeit. Ich vermute, dass es von den offiziellen Ansichtskarten-Verlagen keine oder wenige Ansichtskarten von Archangelsk/Архангельск gab und sich deshalb die lokalen Fotografen und Verleger engagierten und eine FOTO Genossenschaft/Артель ФОТО gründeten.

Archangelsk/Архангельск

Uferpromenade im Archangelsk der 1950er Jahre

Obwohl Archangelsk/Архангельск eine sehr alte Stadt ist, liegt sie doch sehr weit im Norden und irgendwie weit in der Provinz. Sie hatte 1989 etwa 415000 Einwohner, jetzt noch etwa 350000. Die nördliche Dwina/Северная Двина fliesst durch die Stadt und mündet in der Nähe in das Weiße Meer. Seit dem Mittelalter war Archangelsk/Архангельск deshalb eine wichtige Hafenstadt und Handelsstation. Und so taucht die nördliche Dwina/Северная Двина dementsprechend oft auf Ansichtskarten der Stadt auf. Wie auch auf der hier vorliegenden Karte.
“Uferpromenade/Набережная” ist als Titel der Ansichtskarte auf der Rückseite angegeben. In schönster Handschrift hat jemand noch zusätzlich notiert: “Das ist unsere Stadt. Die Uferpromenade unseres Flusses Nördliche Dwina/Это наш город. Набережная нашей реки Северной Двины”. Der Schreiber/die Schreiberin dieser Zeilen scheint jedenfalls stark verbunden zu sein mit der Stadt und dem Fluss. Alles ist kollektives Gut, alles ist “unser/наш”.

Das ist vielleicht auch der Geist des Monuments auf der Vorderseite. Es scheint ein durchschnittliches Monument des “Neuen Menschen” zu sein. Das Gesicht des Mannes erinnert mich etwas an Juri Gagarin/Юрий Гагарин, aber ich bin mir nicht sicher. Der Mann, ein Arbeiter, vielleicht auch ein Ingenieur grüßt den Betrachter mit seiner kräftigen rechten Hand. Dynamisch setzt er ein Bein leicht nach vorn und kommt so auf den Betrachter zu. Die Ärmel sind hochgekrempelt und auf seiner linken Schulter sitzt ein junges Mädchen. Ob es seine Tochter sein soll, weiß man nicht. Sie lässt eine Taube, eine Friedenstaube steigen. Die beiden haben für mich weniger eine familiäre Bindung, eher scheinen beide gesellschaftlich besetzt und engagiert zu sein. Der Mann steht stabil und zupackend in der Welt und schultert zudem das Mädchen, was sich für den Frieden einsetzt. Mit dem Symbol der Taube schließt sich interessanter Weise der Bogen zum Stadtnamen Archangelsk/Архангельск, was Erzengelstadt bedeutet. Die Weihnachtsbotschaft “Friede auf Erden” und das kommunistische “миру мир” liegen eben dicht beieinander.
Junge Birken säumen die beiden ordentlichen Fußwege auf der Uferpromenade. Weiter hinten leuchtet noch ein weißer Sockel. Leider erkennt man nicht das darauf stehende Monument. Die Vermutung liegt Nahe, dass es die zum Mann und Kind dazugehörige Frau ist. Eine sozialistische Familie.

Archangelsk - Monument und Spaziergänge

Archangelsk - Monument und Spaziergänger an der Uferpromenade

Am linken Rand der Ansichtskarte sieht man eine Person. Er hat einen langen dunklen Mantel an und einen Hut auf dem Kopf. Den Rücken zu uns gewandt, lehnt er am Geländer und schaut auf den Fluß. Neben dem heroischen Monument wirkt er klein und düster. Der “Neue Mensch” blickt nach vorne, der Spaziergänger nach hinten auf den ewigen Lauf des Flusses.

Auf späteren Ansichtskarten von Archangelsk/Архангельск (aus meiner Sammlung) taucht dieses Monument nicht mehr auf. Wurde es unpopulär? Oder gar abgebaut? Das Klima ist hart dort im Norden und das Monument scheint nicht aus richtig haltbarem Material gebaut zu sein. Auch auf der wiki Seite der “Uferpromenade/Набережная” es nicht verzeichnet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Archangelsk

http://ru.wikipedia.org/wiki/Набережная_Северной_Двины

Archangelsk bei Google Maps

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