Die dritte der jüngst beschriebenen Ansichtskarten aus Kislowodsk/Кисловодск wurde 1982 herausgegeben und im November desselben Jahres starb Leonid Iljitsch Breschnew/Леонид Ильич Брежнев, der damalige Generalsekretär der KPdSU. Schon 8 Tage nach seinem Tod wurde ihm zu Ehren eine Stadt benannt. Es traf die Stadt Nabereschnyje Tschelny/Набережные Челны.

Bis 1988 hieß dieser Ort dann Breschnew/Брежнев, allerdings wurde der übergestülpte Name im Zuge der Perestroika schnell wieder abgelegt. Die Bewohner konnten vermutlich nicht viel mit dem Politikernamen anfangen, stand er doch für die Stagnation in der Sowjetunion. Außerdem kann Nabereschnyje Tschelny/Набережные Челны auf eine eigene lange Geschichte seit dem Mittelalter zurückblicken. Die Stadt liegt in der autonomen Republik Tatarstan/Республика Татарстан, die innerhalb Russlands als besonders eigenständig und stolz gilt.

Dennoch ist das heutige Nabereschnyje Tschelny/Набережные Челны eine typische Sowjetische Planstadt der Chruschtschow/Хрущёв Ära. Insofern ist es verständlich, dass gerade dieses erfolgreiche Industrie- und Siedlungsprojekt für einen Heldennamen wie Breschnew/Брежнев auserkoren wurde.

Die Entwicklung fing langsam an. Erst 1930 bekommt Nabereschnyje Tschelny/Набережные Челны mit 9300 Einwohnern das Stadtrecht zugesprochen. In den 1960ern wohnen dort etwa 30.000 Menschen. Ende der 60er Jahre verändert ein Beschluss der Partei das Schicksal der Stadt. Die Sowjetunion brauchte ein großes modernes LKW Werk. Gesagt, geplant, getan. Von da an ging es rapide voran.

Im Jahr 1976 werden die ersten LKWs namens KAMAZ in Nabereschnyje Tschelny/Набережные Челны produziert. Auch dieses Projekt birgt einige Superlative. Seinerzeit war es das flächenmäßig größte Automobilwerk der Welt. Ebenfalls gigantisch waren die Ziele der Stadtplanung. Die Bevölkerung sollte mehr als verzehnfacht werden. So wuchs die Stadt dann von den 70ern zu den 80ern von 30.000 bis auf 500.000 Einwohner an. Das ließ sich natürlich nur in massiver Großplattenbauweise und zügiger Bautempo bewerkstelligen.

Die Neustadt gliedert sich in Wohnkomplexe, die nummeriert aneinandergereiht zwischen Werk und dem Fluss Kama/Кама liegen. Ökonomisch und flächenmäßig Vorrang hatte der Aufbau der Industrie, die für damalige Verhältnisse sehr modern und effizient war. Neben LKWs wurden Motoren, Traktoren, Kleinwagen, Panzer u.ä. hergestellt. Trotz aller Umwandlungen in den 90er Jahren arbeiten auch heute noch 50.000 Menschen im KAMAZ Werk. KAMAZ LKWs nehmen erfolgreich an der Rallye Paris-Dakar teil und inzwischen hat die Daimler AG einen 10 %igen Anteil an KAMAZ erworben.

Набережные Челны / Брежнев

Набережные Челны (1981) / Брежнев (1983)

Die heutige Betrachtung bezieht sich auf eine Karte aus dem Jahr 1981 mit dem Stadtnamen Nabereschnyje Tschelny/Набережные Челны und eine zweite aus dem Jahr 1983 und mit dem Stadtnamen Breschnew/Брежнев. Beide wurden vom Fotografen W. Gasparjantz/В. Гаспарянц aufgenommen und durch das Ministerium für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР herausgegeben.

Das Кинотеатр "Чулпан

Die erste Karte zeigt das Kino “Tschulpan”/Кинотеатр “Чулпан”. Auf den ersten Blick ein ungewöhnlicher Name für ein Sowjetisches Kino, aber es ist ganz einfach das Tatarische Wort für “Venus”. Vermutlich geht es weniger um die Göttin der Liebe als um die kühne Erforschung des Weltraums. Zu friedlichen Zwecken. Das Mosaik an der Gebäudeseite vermag diese Interpretationsfrage nicht völlig zu bestätigen. Die Bildsprache deutet jedoch in Richtung Weltraum. Andererseits könnte die abgebildete junge Frau auch aus einer anderen Mythologie entstammen. Immerhin war die erste Sonde, die erfolgreich auf der Venus landete eine Sowjetische.

Das Kino ist ein Sowjetischer Standardbau, der durch Verzierungen, Metallblenden und eben den Tatarischen Namen lokal verankert wurde. Die Bauform Plattenbau erweist sich also durchaus als anpassbar. Vermutlich wird man ganz ähnlichen Bauten mit jeweils anderer Verzierung im Baltikum, im Kaukasus oder in Zentralasien finden.

Die Birken vor dem Kino “Tschulpan”/Кинотеатр “Чулпан” sind jung und wurden wahrscheinlich nach dem Bau des Kinos dort angepflanzt. Soweit ich erkennen kann, sind auch die vorbei eilenden Menschen jung. Eine typische, dynamische “Neue Stadt”. Ob die Leute direkt ins Kino gehen, ist nicht klar. Auf der Ansichtskarte ist der Eingang des Kinos nicht zu sehen. Welche Filme laufen, ist nicht zu lesen. In den Schaufenstern wird etwas ausgestellt. Es sieht aus wie kleine Bilder, vielleicht sind es einfach Informationen zu den laufenden Filmen.

Menschen am Schaufenster

Menschen am Schaufenster

Die zweite Karte zeigt den Kulturpalast “Energetik”/Дворец культуры “Энергетик”. Ein massives Gebäude, dass im Sonnenlicht strahlt. Ein “Energetik” ist jemand, der in der Energiewirtschaft arbeitet. Der Titel klingt nach Dynamik, nach Antrieb, buchstäblich energetisch.

Kulturpalast in Breschnew

Kulturpalast in Breschnew

Der Panzerkreuzer Aurora auf dem Plakat erinnert an die Große Sozialistische Oktoberrevolution und erscheint mir ganz passend zu dem Palast, der selbst an ein Schiff erinnert, das sich seinen Weg bahnt. Durch die Gliederung in verschiedene Kuben wirkt das Gebäude aufgelockert. An der Stirnseite gibt es eine annähernd symmetrische Front und einen durch eine Treppe erhöhten Eingang. Allerdings ist die Längsseite die Hauptfront und  dementsprechend befindet sich dort auch der große Haupteingang. Entworfen wurde das Gebäude von einem Architektenteam aus dem Baltikum. 1973 wurde es eingeweiht.

Die Kombination von traditioneller symmetrischer Tempelfront und moderner großzügiger Hauptfront finde ich eine interessante Lösung. Dennoch bleibt die Frage, was in diesem großen Gebäude passiert. Wird dort der Kulturplan erstellt, umgesetzt oder kontrolliert? Die Bezeichnung Kulturpalast/Дворец культуры wurde vermutlich in der Sowjetunion nach der Revolution geprägt. Nach den Informationen der Wikipedia gab es 1988 in der gesamten Sowjetunion etwa 137000 solcher Paläste.

Im Moment der Aufnahme wirkt der Kulturpalast “Energetik”/Дворец культуры “Энергетик” nicht gerade belebt. Der große Vorplatz wirkt öde. Wie auf vielen anderen Ansichtskarten auch, hatten der Fotograf und/oder der Verlag den Wunsch, das komplette Gebäude auf dem Foto zu erfassen. Als ob allein die fotografierte Gesamtheit alles über das abgebildete Objekt aussagen würde! Diese nüchterne Sachfotografie scheint sich jeglicher Subjektivität zu entziehen, aber erzeugt im gleichen Moment eine große Langeweile. Vielleicht sollte man es als eine Inventarisierung der Gebäude der Sowjetunion betrachten? Dennoch finde ich es merkwürdig, dass die in Propaganda geübten Sowjetischen Instanzen gerade bei den Ansichtskarten die Wirkungskraft der Fotografie so wenig berücksichtigt haben.

Als historisches Dokument ist es natürlich interessant, denn durch diese Sachfotografie kann das Bild der Sowjetunion klarer gezeichnet werden. So erfahren wir, dass der Vorplatz des Kulturpalastes “Energetik”/Дворец культуры “Энергетик” aus groben Betonplatten gelegt wurde. Dazwischen wächst das Unkraut und für Fußgänger scheint es nicht besonders bequem zu sein. Ein Trampelpfad kürzt die vorgegebene Wegstrecke ab. Auf der Ansichtskarte selbst kann ich mit Mühe fünf Personen zählen, und ich meine, es sind alles Frauen.

Passanten am Kulturpalast

Passanten am Kulturpalast

Eine etwas fröhlichere und lebendigere Geschichte des Kulturpalastes “Energetik”/Дворец культуры “Энергетик” kann man auf der russischen Website zum Objekt nachlesen.

Thomas Neumann (Bearbeitung: Ben Kaden)

– Набережные Челны bei Google Maps

Nabereschnyje Tschelny in der Wikipedia

Kamaz in der Wikipedia

Der Tevelev-Platz in Charkiw

September 26, 2009

Greift die Ansichtskarte aus Bijsk ein schönes,  modernes Einzelgebäude und seine Nutzung als Motiv auf, präsentiert sich die Karte aus Charkiw / Харків als etwas uninspirierte Draufsicht auf den zentralen (Verkehrs)Platz des Stadt: dem Tevelev Platz / Площадь Тевелевa.

Charkov - Tevelev-Platz

Charkiw - Tevelev-Platz

Wer sich heute in die Nordost-Ecke der Ukraine aufmacht, um die zweitgrößte Stadt des Landes zu besuchen, findet freilich einen Platz dieses Namens nur ab und an in den Romanen Eduard Limonows, die der Besucher vielleicht aus einem Regal der berühmten Buchhandlung Дом со шпилем am sich in südlichen Richtung anschließenden Rosa-Luxemburg-Platz (Площадь Розы Люксембург) ziehen und durchblättern kann.

Den Namen “Tevelev”, der an eine Person namens M.S. Tevelev/ М. С. Тевелев  erinnern sollte, deren Ruhm als Untergrundkämpfer während desr Bürgerkriegs 1917/1918 nicht in die Allgemeinbildung auch von in der DDR Aufgewachsener vordrang, trug der wahrscheinlich älteste Platz der Stadt nur von 1919 bis 1975. Danach entpersonalisierte man den Stadtnamen und regionalisierte die Bezeichnung in Platz der Sowjetischen Ukraine/ Площадь Советской Украины. Da diese nicht allzu viel später die sowjetische Eigenschaft zugunsten eines rein Ukrainischen Charakters verlor, folgte alsbald die dritte Umbennung: Seit 1996 und bis heute heißt der vier Hektar große Platz im Herzen der Stadt Platz der Verfassung/Площадь Конституции.

Die Einordnung der Karte selbst bereitet mir etwas Schwierigkeiten, da die Metadaten in einer Form abgebildet werden, die Thomas sicherlich keine Probleme bereiten, mich aber vor gewisse Schwierigkeiten stellen. Als Fotograf ist immerhin М. Селюченка genannt, ein Name der in der Ukrainischen Fotografiegeschichte häufiger auftaucht. Ich füge die Rückseite der Ansichtskarte bei und hoffe natürlich auf eine Aufklärung seitens Thomas’.

Rückseite

Rückseite der Ansichtskarte

Das Motiv selbst macht einem die Datierung nicht sonderlich leicht, was z.T. der wirklich erbärmlichen Bildqualität geschuldet ist. Man sieht die Oberleitungen der Oberleitungsbusse und/oder Straßenbahnen, wobei keine Schienen sichtbar sind. Die Autos lassen auf die 1960er Jahre schließen. Das Gebäude auf der linken Seite ist das Haus der Wissenschaft und Technik / Дом науки и техники. Ein Großteil des Platzes erstreckt sich jenseits des rechten Bildrandes. Insofern täuscht die Aufnahme ein wenig über den eigentlichen Platzcharakter hinweg und reduzierte die Blickachse auf die Spuren des Durchgangsverkehrs von Nord nach Süd. Relativ mittig erkennt man das Gebäude der Stadtverwaltung in zeittypischer, neoklassizistisch angehauchter Türmchenarchitektur.

Der Platz erscheint als reiner Verkehrsplatz, die Fußgänger bleiben weitgehend auf den Trottoirs.  Dort jedoch herrscht offensichtlich recht emsiges Treiben, wobei die Richtung Schatten eine Aufnahme am Nachmittag nahelegen.  Die Kleidung der Pasanten ist z.T. frühlingshaft-sommerlich. Man erblickt Blusen, kurze Hosen und Röcke, hochgeschlagene Hemdärmel. Andererseits begegnen einem auch Mäntel und Jacken. Die Straßenbäume sind allesamt belaubt, allerdings – sofern die Farbgebung der Karte dies hergibt – grün. Man hat es also eher mit Mai statt mit September zu tun. Die große Hitze ist es noch nicht, aber vermutlich ein Sonnentag, an dem sich womöglich in den Schatten und am Abend noch Kühle ausbreitet.

Kharkov Detail

Charkiw Detail

Die gesamte Atmosphäre lässt auf Feierabendstimmung schließen. Einige der abgebildeten Personen tragen Einkaufstaschen, auf  der Karte entdeckt man mindestens zwei Mütter mit Kindern, am linken Bildrand des obigen Ausschnitts erkennt drei vermutlich jüngere Menschen im Gespräch. Der Autoverkehr spricht nicht unbedingt für eine Rush Hour, was u.U. aber einfach an der vergleichsweise niedrigen Motorisierungsrate lag. Zudem sieht man rechts über dem blauen Omnibus hinter den Bäumen in der großen Ansicht ein Parkverbotsschild. Mit zwei U-Bahnlinien ist der Tevelev-Platz auch recht gut durch den öffentlichen Nahverkehr erschlossen. Aller Vermutung nach befindet sich rechts nahezu direkt jenseits des Bildausschnitts eine Treppe, die in die Tiefe und zur U-Bahn führt.

Dies alles ist als Mutmaßung ohne jede reale Ortskenntnis aus der Karte gelesen. Falls Korrekturen oder Anmerkungen angebracht scheinen, bitte ich um Benutzung des Kommentarfeldes.

In jedem Fall ist an diesem Beispiel der sowjetischen Ansichtskartengeschichte deutlich zu erkennen, wie man Stadtansichten in ihrer Alltäglichkeit zu inszenieren versucht. Dabei stellt man in diesem Beispiel fernab jeder baulichen oder skulpturalen Repräsentation, die an diesem Platz zweifellos zu finden sind, einen asphaltierten Platz in die Mitte, der von einigen sehr eindrucksvollen, aber an den Rand gerückten Gebäude eingegrenzt ist, immerhin zur rechten Seite hin eine weitere Öffnung andeutet und ansonsten von einer mit Oberleitungen umbundenen Laterne im Bildvordergrund eine recht ungewöhnliche Dominante erhält. Es ging bei dieser Ansichtskarteausgabe ganz offensichtlich um die Abbildung eines tatsächlichen und nicht sonderlich aufregenden Straßenbildes im Zentrum einer Stadt, die immerhin das bedeutenste Industriezentrum der Region war und ist. Für die Sowjetunion war die Stadt mit dem Завод имени Малышева ein Herzstück ihrer Rüstungsindustrie, wurde ihr doch ein Großteil der Panzer für die Rote Armee gebaut. Auch diese Tradition lebt bis heute fort. In der friedlichen Stimmung auf dem zentralen Platz der Stadt ist davon freilich nichts zu sehen. Es ist diese Alltäglichkeit, die Ansichtskarte aus Charkow mit der Bijsk und sehr, sehr vielen weiteren sowjetischen Ausgaben verbindet.

Update 30.09. 2009

Von Thomas habe ich mittlerweile die korrekten Metadaten erhalten:

Verlag: Радяньска Украйна / Radyanska Ukraina (wird meist РУ/RU abgekürzt)
Auflage: 155000
Erscheinungsjahr: vermutlich 1969
Fotograf: M. Seljutschenko / М. Селюченка
Die U-Bahn wurde anscheinend erst in den 1970ern gebaut, weshalb die Vermutung mit dem U-Bahn-Eingang wohl buchstäblich ins Leere läuft.

Ben Kaden

Charkiw in der Wikipedia

Charkiw bei Google-Maps

Das Café Kristall in Bijsk

September 26, 2009

Diese Ansichtskarte von Bijsk/ Бийск gehört zu meinen Lieblingen. Zu sehen ist das Café “Kristall” / Кафе “Кристалл”. Die Karte wurde 1971 bei Planeta / Планета herausgegeben und von B. Podgornui / Б. Подгорный fotografiert.

Bijsk / Kristall

Bijsk / Kristall

Kristallklar steht dieser Pavillon auf einem Platz am Rande der Stadt. Dahinter beginnt der Wald. Obwohl das Café die Hauptattraktion der Karte sein soll, befindet es sich rechts unten an die Seite des Fotos gedrängt. Die Kiefern sind dominant und der Moskwitsch / Москвич stiehlt dem Pavillon die Show. Auch lenken die vielen vor dem Café sitzenden Leute vom eigentlichen Objekt ab. Dennoch ist der Pavillon stark und behauptet sich. Stolz prangt der Name “Kristall” / “Кристалл” über dem Eingang. Es scheint ein Kubus aus Glas und Metall zu sein. Der Sockel und die Rückseite sehen gemauert aus. An ein paar Stellen scheint der Pavillon nicht ganz so ordentlich verarbeitet zu sein. Nach den langen Jahren, in denen neoklassische Kulturtempel mit pompösen Säulen gebaut wurden, ist an dem Café “Kristall” / Кафе “Кристалл” der Wunsch nach Leichtigkeit, Transparenz und Moderne abzulesen. Auch wenn die Umsetzung nicht ganz sauber gewesen sein mag, kann man doch sehen, dass es Architekten und Entscheidungsträger gab, die moderne Formen und Materialien nach Bijsk  bringen wollten.

Bijsk - Detail

Bijsk - Detail

So verspricht das Glas Transparenz, aber auf der Karte kann man leider nicht ins Innere des Cafés schauen. Rechts im Fenster scheint etwas zu hängen. Soll das ein Wandteppich sein? Immerhin steht der Name “Kristall” / “Кристалл” für die gewünschte Reinheit der Form und des Ausdrucks. Die Sowjetunion als ein Reich von Ideen, wobei die tatsächliche Verwirklichung oft in den Hintergrund trat. In dieser Hinsicht musste die Fotografie als ein Medium, das mit Sichtbarem arbeitet, gelegentlich erfinderisch sein.

Ebenso wie der Pavillon wirkte der Moskwitsch 408 / Москвич 408 (gebaut von 1964 bis 1975) damals modern. Die Sonne erleuchtet ihn, aber trotzdem erscheint er nicht dynamisch. Durch die eingeschlagenen Vorderräder verbreitet er eine Unruhe, die mir gegenüber der überladenen Hinterachse merkwürdig vorkommt. Auch stört er die Atmosphäre des Vorplatzes des Café “Kristall” / Кафе “Кристалл”, in der der Pavillon noch erhabener wirken würde. Obwohl dort keine Strasse entlangführt, dreht der Moskwitsch / Москвич dort seine Runde. Vielleicht soll es Lebendigkeit ausdrücken?

Der “Kristall” / “Кристалл” Kubus strahlt ein städtisches Flair aus, was mit dem dahinter liegenden Wald nicht wirklich korrespondiert. So wirkt das Café relativ isoliert in der Landschaft. Für mich schimmert da wieder der Neue-Stadt-Mythos durch. Die fortschrittlichen Menschen erobern sich ganz kühn die sibirische Weite und bauen sich mit modernsten Materialien ihre Welt von morgen. Wahrscheinlich ist es banaler und das Café gehört zu einem der zahlreichen Touristenkomplexen der Stadt, denn Bijsk ist der Ausgangspunkt in die Berge des Altai. Auf jeden Fall sitzen eine Menge Leute davor und man weiß nicht, was sie dort eigentlich machen. Wie ein Straßencafé sieht es nicht aus. Weder trinken sie noch essen sie irgendetwas. Sie sitzen auf langen und farbenfrohen Bänken und schauen auf den Moskwitsch. Ein Paar geht in Richtung Café und kehrt dem Betrachter den Rücken zu. Soll man so eine Art Foto Schnappschuss nennen? Warum wurde dieses Bild ausgewählt? Gibt es eine Message? Vielleicht ist es gerade die Ungelenkheit und Unbestimmtheit der Aufnahme, die für mich den Reiz dieser Karte ausmacht. Ebenso wie bei dem Café “Kristall” die pragmatische Alltagsnutzung die Reinheit der architektonischen Idee überschattet, scheint bei dem Foto die Komposition der gerade vorgefundenen Situation geschuldet zu sein. Ist es tatsächlich eine Momentaufnahme des Sowjetischen Lebens?

Die Ansichtskarte gehört zu einem Set / Комплект aus der Reihe “Städte der UdSSR” / “Города СССР”. Die Auflage beträgt 400000. Das Café “Kristall” hat seinen Platz neben dem Hotel Wostok, dem Lenin Denkmal, dem Polytechnischen Institut, dem Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkrieges, dem Stadt-Theater, dem Touristenkomplex Altai, der Flussanlegestelle, dem Kulturpalast der Chemiker, dem Kulturpalast der Bauarbeiter, dem Heimatkundemuseum und Ansichten vom Fluss Bija, der Tolstoi Strasse und des Komsomol Boulevards gefunden.

Wurde das Café wegen seiner Beliebtheit oder gar wegen seiner Architektur in das Set  aufgenommen? Neben modernen Gebäuden der 60er Jahre sind in dem Set auch Ansichten von historischen Häusern aus dem 19. Jahrhundert zu finden. In diesem Jahr (2009) feiert Bijsk / Бийск immerhin ihr 300 jähriges Jubiläum. Sie ist mit 230 Tausend Einwohnern die zweitgrößte Stadt im Gebiet Altai und gehört wegen ihrer gut entwickelten chemischen Industrie zu den 14 Wissenschaftsstädten / Наукоград Russlands.

Thomas Neumann

Bijsk bei Google-Maps

Bijsk in der Wikipedia

Naukograd in der Wikipedia

Die Kolonnaden in Kislowodsk

September 24, 2009

“Er erblaßte, wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn und dachte: Was hab ich bloß? So was kenne ich doch gar nicht. Das Herz macht Dummheiten … Ich bin überarbeitet. Vielleicht sollte ich alles stehn- und liegenlassen und nach Kislowodsk abhauen.” – Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita, S. 12.

In Russland ist Kislowodsk/Кисловодск als Kurort bekannt und beliebt, denn es gibt dort etliche Sanatorien und Heilbäder. Manch einer assoziiert mit der Stadt auch den Geburtsort Alexander Solschenizyns. Im Kaukasus Vorland gelegen ist es mit Mineralquellen gesegnet und hat dazu noch 300 Sonnentage pro Jahr. Schon im 19. Jahrhundert war es ein begehrter Erholungsort für alle, die es sich leisten konnten.
So las man bereits im Mai 1831 in der 133sten Ausgabe der Zeitschrift “Das Ausland – Kundes des geistlichen und sittlichen Lebens der Völker” folgende Ortsbeschreibung:

“Kislovodsk ist rings von Bergen mittlerer Höhe umschlossen, die den Einwohnern dieser Kolonie des Anblicks der Zentralkette berauben, nichts desto weniger fehlt es aber dem Ort an malerischen Partien. Einige moderne Häuser, bestimmt, die Kranken zu beherbergen, die des Sommers dem Orte zuströmen, sind ziemlich regelmäßig um ein Becken gereiht, auf dessen Boden man in Blasen ein klares, mit kohlensaurem Gas geschwängertes Wasser aufgähren sieht; die Temperatur dieser Quelle beträgt zwar nicht über 12 ° R., aber die Menge des Gases, das sie enthält und das sich losmacht bewirkt dieses Kochen, worüber der Zuschauer sich verwundert.  […] Mehrere Zelte und zwei bedeckte Gallerien, die zum Baden eingerichtet sind, liegen direkt an der Quelle; etwas weiter davon ein Speisehaus und die Wohnungen der Patienten, und im Hintergrund die Hütten der Kosaken, welche die Garnison des Postens bilden. Das Land steigt terassenförmig empor, von Fels zu Fels stürzt die Beresovka durch eine Ahorn- und Lindenallee nieder.”

Die Sowjetmacht verstaatlichte dann die Palais und machte Sanatorien daraus. Zusätzlich wurden weitere Erholungsstätten gebaut, damit soviel wie möglich Werktätige in den Genuss der Heilkräfte des mineralhaltigen Wassers gelangen konnten.

Kolonnade an der Kaskaden-Treppe

Kolonnade an der Kaskaden-Treppe 1954

Wenn ich meine Ansichtskarten von Kislowodsk/Кисловодск sehe, scheint über allem ein Hauch des 19. Jahrhunderts zu schweben. Eine für die Sowjetunion ungewöhnlich mondäne Ausstrahlung. So auch bei dem hier ausgewählten Motiv. Diese Sehenswürdigkeit nennt sich “Kolonnade an der Kaskaden Treppe/Колоннада у Каскадной лестницы”. Auf den ersten Blick vermutete ich, dass dieser klassizistische Säulengang aus dem 19. Jahrhundert kommt, aber dann fand ich im Internet, dass er 1934-35 gebaut worden ist. Ob es ein Verweis auf die Historie und den Stil des Ortes sein soll oder ein künstlerisches Verständnis darstellt, was auf den ewigen und wahren Werten basiert, scheint beides denkbar. Wenn ich mir andere Sowjetische Ansichtskarten der 30-50 Jahre aus traditionellen russischen Kurorten anschaue, bemerke ich öfters einen gepflegten Charme der Bourgeoisie. Eine gewisse Schwülstigkeit in der Architektur, aber auch in der Abbildungsweise. Erst später tauchen nüchterne und dementsprechend etwas emotionslose Ansichtskarten dieser Orte auf. Diese drei AK kommen aus drei verschiedenen Jahrzehnten und zeigen jeweils die “Kolonnade an der Kaskaden Treppe/Колоннада у Каскадной лестницы”. Es sind klassische Ansichtskarten einer Sehenswürdigkeit, die während eines Urlaubes oder Kuraufenthaltes verschickt werden konnten.

Die älteste Karte stammt aus dem Jahr 1954 und wurde bei ISOGIS/ИЗОГИЗ (Verlag für Bildende Kunst) herausgegeben (Fotograf Ja. Chalip/Я. Халип). Die nächste Karte ist 1977 vom Ministerium für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР veröffentlicht worden (Fotograf A. Bogdanow/А. Богданов) und die jüngste der drei wurde 1982 vom lokalen Verlag “Kaukasischer Kurort”/ “Кавкаская здравница” herausgegeben (Fotograf A. Mussin/А. Мусин). Mir scheinen die 3 Ansichten symptomatisch für ihre jeweilige Entstehungszeit zu sein. An ihnen kann man die Geschichte der Sowjetunion ablesen.

Kislowodsk 1954 - Detail

Kislowodsk 1954 - Detail

Die Karte von 1954 ist in touristischer Manier recht pittoresk gehalten. Im Vordergrund die sonnenbeschienene Kolonnade/Колоннада, im Hintergrund das Städtchen im bergigen Ambiente und mittendrin 2 junge Paare, die unter der Kolonnade/Колоннада lustwandeln. Die beiden Paare scheinen sich zu kennen – sie wirken, als ob sie sich gleich begrüßen würden. Die Frau vom rechten Paar trägt einen Sonnenschirm und ein langes weißes Sommerkleid. Dieses Outfit will so gar nicht in meine Vorstellung einer sowjetischen Werktätigen passen. Zusammen mit der Kolonnade/Колоннада wird der Eindruck eines elitären Ortes noch verstärkt. Auch die Männer tragen sommerlich helle Anzüge und tragen zur fröhlichen Stimmung bei. Weiter hinten im Bild kann man noch einige Menschen erahnen.

Kislowodsk 1977

Kolonnade in Kislowodsk 1977

Auf der Karte von 1977 wirkt die Stimmung schon nüchterner. An der Kolonnade/Колоннада hat sich nicht viel geändert. Im Laufe der Zeit wurden elektrische Lampen installiert und beinahe sieht es so aus, als ob der obere Teil des Baus verputzt wurde – ich kann keine Fugen mehr erkennen. Ebenso wie bei der ersten Karte sieht man die Stadt im Hintergrund liegen, aber der Standpunkt des Fotografen war etwas erhöht und so hat man einen Aufblick auf die Kolonnade/Колоннада und gleichzeitig eine bessere Sicht auf die Stadt. Sie hat inzwischen einige Hochhäuser bekommen und einen dunklen Schornstein. Pittoresk ist diese Ansicht nicht mehr zu nennen. Kislowodsk/Кисловодск soll großstädtisch wirken.

Kislowodsk 1977 - Detail

Kislowodsk 1977 - Detail

Die beiden Personen auf der Ansichtskarte wirken auch nicht gerade mondän. Die Frau scheint mit einem Einkaufsbeutel in der Hand durch den Park zu eilen und der Mann lehnt an der Brüstung und wartet. Die beiden kennen sich nicht und der Rücken der Frau verdeckt halb den wartenden Mann. Sie sehen nicht aus wie Urlaubsgäste, eher wie Einheimische. Die Kolonnade/Колоннада wurde entzaubert und ihrer Ausstrahlung beraubt. Ist es á la Brigitte Reimann eine “Ankunft im Alltag”? Auf der Rückseite befindet sich ein familiärer Urlaubsgruß nach Dresden: “Herzlichst Eure Eltern”.

Kislowodsk 1982

Kislowodsk 1982

Die 1982 veröffentlichte Karte wirkt dagegen wieder etwas gediegener. Mit goldener Prägeschrift! Die Stadt hat der Fotograf geschickt hinter den Bäumen versteckt. Nur ein kleiner Ausschnitt lässt eine Großstadt erahnen. Die Blumenrabatte und der übliche blaue Himmel erzeugen eine friedliche Stimmung. Obwohl die Kolonnade/Колоннада relativ sachlich fotografiert ist, wirkt sie monumental im Vergleich zu den Menschen und Bänken. Links neben der Kolonnade/Колоннада als Hauptaugenmerk sind mir die beiden älteren Herrschaften sofort aufgefallen. Sie stehen etwas steif inszeniert in der Gegend. Ist es ein Paar? Wirken sie nur neben den Säulen so klein oder sind sie tatsächlich geschrumpft.

Kislowdosk 1982 - Detail

Kislowdosk 1982 - Detail

Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass das Paar von der 1954er Ansichtskarte nochmal 30 Jahre später fotografiert wurde – ein Vorher/Nachher Effekt. Die Bäume sind größer geworden, die Stadt ist gewachsen und die Menschen sind gealtert. Lediglich die zeitlose Kolonnade/Колоннада ist gleich geblieben. Waren die Paare auf der ersten Karte ca. 30 Jahre alt, sind sie auf der dritten Karte um die 60 Jahre alt. Aus der eleganten Dynamik ist statische Anwesenheit geworden. Die helle fröhliche Sommerkleidung hat sich zu einer ältlichen dunklen Garderobe gewandelt. Aus den Körpern scheint die Kraft entwichen. Da schafft auch die goldene Aufschrift keine Verjüngung. Für mich ist die Karte von 1982 ein treffendes Abbild für die Jahre der “Stagnation/Эпоха застоя” unter Breschnew/Брежнев, der übrigens genau im Erscheinungsjahr dieser Ansichtskarte verstarb. Sein (Kurzzeit-)Nachfolger wurde Juri Andropow/Юрий Андропов) reiste alljährlich nach Kislowdosk zur Kur. Dort lernte er einen jungen aufstrebenden Parteisekretär kennen: Michail Gorbatschow/Михаил Горбачёв.

Thomas Neumann (Bearbeitung: Ben Kaden)

Kislowdosk in der Wikipedia

Kislowdosk bei Google Maps

Der Titel “Moskau, Schwimmbad MOSKWA/Плавательный бассейн МОСКВА” lässt erstmal nichts besonderes ahnen. Auffällig für einen aufmerksamen Sammler ist vielleicht, dass diese Ansicht Moskaus sehr selten auf einer Postkarte zu finden ist. Ein Schwimmbad ist natürlich auch keine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit für die Hauptstadt der damaligen Sowjetunion. Wer sich geografisch in Moskau etwas auskennt, wundert sich daher vielleicht, dass sich so ein großes Schwimmbad mitten im Zentrum, direkt in der Nachbarschaft des Kremls befindet.

Schwimmbad in Moskau

Das Schwimmbad am Kreml - Panorama

Die erste Karte ist eine Panorama-Ansicht, denn das Freibad mit einem Durchmesser von ca. 130 m muss man erstmal auf ein Foto bannen. Das Schwimmbad wurde 1960 eröffnet und ich vermute, dass die gezeigte Ansichtskarte kurz darauf veröffentlicht wurde. Die seitlichen Gebäude und die Masten mit den Lampen sehen noch nagelneu aus. Links im Hintergrund sieht man das “Haus der Regierung/Дом правительства”, das selbst sich eine imposante und erzählenswerte, eigene Geschichte hat. Schön finde ich die kleinen über das Bild verstreuten roten Farbtupfer, seien es Sonnenschirme oder Hinweistafeln oder Kleidungsstücke. Diese Ansichtskarte stammt aus einem Set von 32 Karten aus dem Verlag Progress/Прогресс. Angaben zum Veröffentlichungsjahr, zur Auflage, zum Fotografen fehlen, dafür sind die Aufschriften auf den Postkarten in 5 Sprachen verfasst: Russisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch.

Rückseite Karte 2

Die Tschechische Beschreibung einer sowjetischen Badeanstalt

Die zweite Ansicht wurde 1964 in der Tschechoslowakei von der staatlichen Bildagentur Pressfoto herausgegeben. Auch hier sind die Angaben zum Fotografen unklar – es ist lediglich die sowjetische Nachrichtenagentur TASS/ТАСС erwähnt. Die Aufschrift besagt überschwänglich, dass man das ganze Jahr unter freiem Himmel baden kann, denn die gesamte Anlage, in der 2000 Leute schwimmen können, ist beheizt. Sogar Solarien gibt es.

Schwimmbad in Moskau

Das Schwimmbad in Moskau in der Prager Ausgabe

Das Foto zeigt nur etwa die Hälfte des Schwimmbades, dafür erlaubt sie aber einen recht guten Blick in die Umgebung: rechts wieder das “Haus der Regierung/Дом правительства”, hinten links den Kreml mit seinen Wachtürmen und dazwischen der Fluß Moskwa, der sich durch die Stadt wälzt. Im Gegensatz zu vielen Sowjetischen AK ist diese wunderbar scharf (eine Echtfoto-AK!). So kann man schön die jungen Bäume an der Ufer-Strasse  und die eigene Bootsanlegestelle von dem “Haus der Regierung/Дом правительства” erkennen. Und natürlich das Schwimmbad selbst mit seinen vielen Besuchern. Überfüllt erscheint es mir nicht, dennoch gibt es rechts im Bild eine Schlange zu sehen. Die auf der ersten Karte zu erkennenden, dort roten, Sonnenschirme sehe ich auf dieser s/w Karte nicht mehr.

Anstehen

Anstehen

Nach den beiden Männern auf der dritten Karte zu urteilen, muss dieses Foto in einer kühlen Jahreszeit aufgenommen worden sein. Die Bäume, die man im Hintergrund erkennen kann, sehen herbstlich, winterlich aus. Allerdings liegt kein Schnee. Die Bildqualität ist vergleichsweise deutlich gröber.

Ansicht 3 - Detail

Zwei Herren im Mantel am Beckenrand - was auch immer man mit solch einem Anblick in Moskau assoziiert, hier dient es zunächst einmal zum Rückschluss auf die Witterung.

So ein großes Freibad zu beheizen muss sicherlich enorm viel Energie verbraucht haben. An dieser Stelle wurde nicht gespart: Alles für das Wohl des Volkes. Wenn ich die Angaben auf der Karte richtig deute, wurde die Karte im Ministerium für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР im November 1964 herausgegeben.

Schwimmbad in Moskau

Mit Abstand betrachtet verschwimmt auch in diesem Fall alles in geordneten Bahnen.

Das Farbfoto stammt von P.I. Smoljakow/П.И.Смоляков. Übrigens sieht man an der Karte die alte Rückseitengestaltung des Ministeriums für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР bevor sie in den 70ern auf Maschinenlesbarkeit umgestellt wurde und somit etwas Charme verlor.

Rückseite Karte 3

Dieser Gruß ging nach Prag. Eine Erläuterung zur Briefmarke erfolgt demnächst an anderer Stelle.

–> zur anderen Stelle.

Die 1960er waren die Blütezeit der Sowjetunion. Mit Chruschtschows/Н.С.Хрущёв Tauwetter löste sich die Erstarrung der Stalinzeit. Im kulturellen und auch wirtschaftlichen Bereich wurden vielerlei Neuanfänge gewagt. Inzwischen hatten sich die industriellen Großprojekte, wie Kraftwerke, Kombinate, Bergwerke, Eisenbahnverbindungen, die unter Stalin in Gulag-Sklavenarbeit umgesetzt wurden, als Infrastrukturmaßnahme zu rentieren begonnen. Der Wirtschaftsmotor brummte, man bekam allseits ein Gefühl für den Fortschritt (vermittelt), die Sowjetunion hatte die Nase vorn bzw. den Sputnik, einen Hund (Laika), zwei weitere Hunde (Belka und Strelka) und schließlich einen Menschen vor den USA im Weltraum. Somit ist ein ganzjährig benutzbares, riesiges beheizbares Schwimmbad mitten in Moskau kein Problem, sondern eher Ausdruck des Selbstverständnisses, eine Weltmacht zu sein.

Dass sich an dieser Stelle einmal ein Schwimmbad befinden würde, hatte ursprünglich niemand geahnt oder gar geplant. Bis in das 19. Jahrhundert hinein stand dort ein Frauenkloster. Dieses musste im 19ten Jahrhundert dem Großprojekt der Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя  weichen. Allerdings zogen sich deren Bauarbeiten etwa 4 Jahrzehnte hin, so dass man die Eröffnung erst 1883 vollziehen konnte. Die Bolschewiken der 1920er Jahre fanden nicht soviel Gefallen an ihr und im Zuge Stalins Megalomanie entstanden Planungen für einen “Palast der Sowjets/Дворец Советов” an ihrer Stelle. Es sollte mit 415 m das höchste Gebäude der Welt werden. In dem Planungsprozess konnte man gut die verschiedenen architektonischen Strömungen dieser Zeit und auch den Wechsel der politischen Richtung ablesen. Die Internationalisierung des Kommunismus wurde zu Gunsten einer innersowjetischen Konsolidierung zurückgestellt, die avantgardistischen Ideen der 1920er Jahre – etwa von Wladimir Tatlin oder El Lissitzki – sollten sich in diesem Umfeld nicht mehr behaupten können gegen die protzig-größenwahnsinnigen Entwürfe, die eher den Geschmack Stalins trafen und sieben Turmbauten (manchmal despektierlich “Stalinfinger” genannt) hervorbrachten. 1931 wurde die Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя gesprengt. Der “Palast der Sowjets/Дворец Советов” sollte ganz Moskau, also auch die “Schwestern”, überragen und neben der Metro zum Ausdruck der Architektur gewordenen kommunistischen Ideale werden. Wie schon beim Bau der Kathedrale stieß man auf Probleme mit dem Untergrund. Die Bauarbeiten verzögerten sich, die Eskalation der Stalinistischen Säuberungspolitik ab Mitte der 1930er Jahre tat ihr übriges und als man schließlich nach der Endfassung des Entwurfes von 1939 begann, die Fundamente zu gießen, brach der II. Weltkrieg über die Sowjetunion hinein. Nach Stalins Tod wurde das Projekt schließlich grundsätzlich in Frage gestellt.

Da die Fundamente nun schon mal da waren, wurde pragmatisch entschieden, daraus ein – im Winter dampfbeheiztes –  Freibad zu bauen. Eine ungewöhnliche Entscheidung. Wahrscheinlich ist  diese offensichtliche Verlegenheitslösung auch der Grund, warum es so wenig Ansichtskaten von diesem besonderen Schwimmbad gibt. Letztlich ist es der Platz des gescheiterten “Palast der Sowjets/Дворец Советов” und der gesprengten Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя. Trotz der wunderbaren Idee mit dem geheizten Freibad sollten eventuelle unerwünschte Erinnerungen nicht extra – analog zu den berühmten schlafenden Hunden, derer Bild die sowjetische Politik bekanntlich sehr verinnerlicht hatte –  geweckt werden. Der Umbau zum Freibad dauerte zwei Jahre und 1960 konnte das Bad in Betrieb genommen werden. Bis 1993 schwammen dort zu jeder Jahreszeit eine Menge Menschen. Während der Perestroika besann man sich auf alte vorrevolutionäre Werte, und das Schwimmbad MOSKWA/Плавательный бассейн МОСКВА wurde wiederum zurück- und die Christ-Erlöser-Kathedrale/Храм Христа Спасителя zur 850-Jahr-Feier der Stadt Moskau wieder aufgebaut – zu einem Schätzpreis von 1,5 Milliarden Dollar (u.a. dank der vergoldeten Kuppel).  Somit schliesst sich der Kreis vorerst.

Thomas Neumann (Bearbeitung: Ben Kaden)

– der Standort bei Google-Maps

Diese Karte ist mir ob ihrer Schlichtheit und Klarheit aufgefallen. Das dünne lapidare Papier und die nicht gerade berauschende Abbildungsqualität machten mich Neugierig. Und tatsächlich hat sie etwas Besonderes. Sie wurde von einem Артель ФОТО/FOTO Genossenschaft in einer sehr kleinen Auflage von 1880 Exemplaren im Jahre 1956 herausgegeben. Produziert wurde sie als sogenannte “Echt-Foto-Postkarte” (siehe dazu auch Erasmus Schröters Buch über die Echt-Foto-Postkarten der DDR). Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, gab es die FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО nur bis in die 50er Jahre hinein. Das waren Zusammenschlüsse von lokalen Fotografen, die auf einfache Art und Weise Ansichtskarten in geringer Auflage herstellten. Meist arbeiteten sie in Touristengebieten (Krim/Крим, Sotschi/Сочи, Kaukasus/Кавказ), wo sie die ohnehin raren Ansichtskarten problemlos verkaufen konnten. In der Regel waren es Amateure, die sich auf diese Weise in der Nachkriegs-Sowjetunion Geld dazuverdienten.

Артель ФОТО 1956

Артель ФОТО 1956

Manchmal taucht auch die Bezeichnung Артель инвалидов/ Invaliden Genossenschaft auf. Das waren Kriegsversehrte, die sich eine Jobmöglichkeit schufen. Insofern sind die meisten der von FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО hergestellten Ansichtskarten etwas verkitscht, oft sind es auch Grußkarten mit einem Spruch versehen oder süße Aufnahmen von Kindern oder Katzen. Zum Teil wurden sie koloriert. Trotz der geringen Qualität dieser Ansichtskarten muss man feststellen, dass sie sich an marktwirtschaftlichen Aspekten, also an der Verkaufbarkeit orientierten, was man von späteren farbigen “typisch” Sowjetischen Ansichtskarten nicht unbedingt sagen kann.
Gegen Ende der 50er Jahre scheinen die FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО zu verschwinden. Die stärkere Zentralisierung der Ansichtskarten-Verlage in der Sowjetunion und ein ausgeprägteres Bewusstsein für die Wirkungsmacht von Ansichtskarten mögen Gründe zur strengeren Kontrolle der FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО gewesen sein, die am Ende zu deren Schließung führte. Vermutlich wurde auch die genossenschaftliche Eigeninitiative der beteiligten Leute argwöhnisch von “oben” beäugt und mit dem Argument der fehlenden Professionalität sicherheitshalber gestoppt.

Interessant ist ein Preisvergleich. Die 1956 von der FOTO Genossenschaft/Артель ФОТО herausgegebene Karte war mit 75 Kopeken recht teuer. Eine ebenso s/w Karte von Archangelsk/Архангельск aus dem Jahr 1961 kostete nur 8 Kopeken (Auflage 20000 Stück, hergestellt in fernen Rostow a. Don/Ростов на Дону!). Und die 1966 vom großen Verlag “Sowjetischer Künstler/Советский художник” publizierte Karte kostete nur 1 Kopeke. Durch die Zentralisierung wurde nicht nur eine stärkere Überwachung ermöglicht, sondern es ergaben sich auch Synergie-Effekte und damit eine höhere Effizienz.

Die hier besprochene Ansichtskarte aus Archangelsk/Архангельск fällt etwas aus dem üblichen FOTO Genossenschaften/Артель ФОТО Rahmen heraus. Archangelsk/Архангельск ist keine Touristenstadt und die Ansicht zeigt keine berühmte Sehenswürdigkeit. Ich vermute, dass es von den offiziellen Ansichtskarten-Verlagen keine oder wenige Ansichtskarten von Archangelsk/Архангельск gab und sich deshalb die lokalen Fotografen und Verleger engagierten und eine FOTO Genossenschaft/Артель ФОТО gründeten.

Archangelsk/Архангельск

Uferpromenade im Archangelsk der 1950er Jahre

Obwohl Archangelsk/Архангельск eine sehr alte Stadt ist, liegt sie doch sehr weit im Norden und irgendwie weit in der Provinz. Sie hatte 1989 etwa 415000 Einwohner, jetzt noch etwa 350000. Die nördliche Dwina/Северная Двина fliesst durch die Stadt und mündet in der Nähe in das Weiße Meer. Seit dem Mittelalter war Archangelsk/Архангельск deshalb eine wichtige Hafenstadt und Handelsstation. Und so taucht die nördliche Dwina/Северная Двина dementsprechend oft auf Ansichtskarten der Stadt auf. Wie auch auf der hier vorliegenden Karte.
“Uferpromenade/Набережная” ist als Titel der Ansichtskarte auf der Rückseite angegeben. In schönster Handschrift hat jemand noch zusätzlich notiert: “Das ist unsere Stadt. Die Uferpromenade unseres Flusses Nördliche Dwina/Это наш город. Набережная нашей реки Северной Двины”. Der Schreiber/die Schreiberin dieser Zeilen scheint jedenfalls stark verbunden zu sein mit der Stadt und dem Fluss. Alles ist kollektives Gut, alles ist “unser/наш”.

Das ist vielleicht auch der Geist des Monuments auf der Vorderseite. Es scheint ein durchschnittliches Monument des “Neuen Menschen” zu sein. Das Gesicht des Mannes erinnert mich etwas an Juri Gagarin/Юрий Гагарин, aber ich bin mir nicht sicher. Der Mann, ein Arbeiter, vielleicht auch ein Ingenieur grüßt den Betrachter mit seiner kräftigen rechten Hand. Dynamisch setzt er ein Bein leicht nach vorn und kommt so auf den Betrachter zu. Die Ärmel sind hochgekrempelt und auf seiner linken Schulter sitzt ein junges Mädchen. Ob es seine Tochter sein soll, weiß man nicht. Sie lässt eine Taube, eine Friedenstaube steigen. Die beiden haben für mich weniger eine familiäre Bindung, eher scheinen beide gesellschaftlich besetzt und engagiert zu sein. Der Mann steht stabil und zupackend in der Welt und schultert zudem das Mädchen, was sich für den Frieden einsetzt. Mit dem Symbol der Taube schließt sich interessanter Weise der Bogen zum Stadtnamen Archangelsk/Архангельск, was Erzengelstadt bedeutet. Die Weihnachtsbotschaft “Friede auf Erden” und das kommunistische “миру мир” liegen eben dicht beieinander.
Junge Birken säumen die beiden ordentlichen Fußwege auf der Uferpromenade. Weiter hinten leuchtet noch ein weißer Sockel. Leider erkennt man nicht das darauf stehende Monument. Die Vermutung liegt Nahe, dass es die zum Mann und Kind dazugehörige Frau ist. Eine sozialistische Familie.

Archangelsk - Monument und Spaziergänge

Archangelsk - Monument und Spaziergänger an der Uferpromenade

Am linken Rand der Ansichtskarte sieht man eine Person. Er hat einen langen dunklen Mantel an und einen Hut auf dem Kopf. Den Rücken zu uns gewandt, lehnt er am Geländer und schaut auf den Fluß. Neben dem heroischen Monument wirkt er klein und düster. Der “Neue Mensch” blickt nach vorne, der Spaziergänger nach hinten auf den ewigen Lauf des Flusses.

Auf späteren Ansichtskarten von Archangelsk/Архангельск (aus meiner Sammlung) taucht dieses Monument nicht mehr auf. Wurde es unpopulär? Oder gar abgebaut? Das Klima ist hart dort im Norden und das Monument scheint nicht aus richtig haltbarem Material gebaut zu sein. Auch auf der wiki Seite der “Uferpromenade/Набережная” es nicht verzeichnet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Archangelsk

http://ru.wikipedia.org/wiki/Набережная_Северной_Двины

Archangelsk bei Google Maps

Das ist eine pittoreske Ansichtskarte Kiews/Киев aus dem Jahr 1986. Herausgegeben wurde sie vom Ministerium für Kommunikation der Sowjetunion/Министерство связи СССР in einer Auflage von 240000 Stück. Fotografiert hat I. Kropiwnitzki. Die Beschriftung ist zweisprachig in Russisch und Ukrainisch. Es handelt sich um das Kiewer Höhlenkloster/Киево-Печерская лавра. In Sowjetischer Benennung ist es ein sogenanntes “staatliches historisch-kulturelles Schutzgebiet, Architekturdenkmal des 17.-18. Jahrhunderts/государственный историко-культурный заповедник, Памятник архитектуры XVII-XVIII вв. Der atheistische Sowjetstaat bildet keine religiösen Orte ab, sondern Architekturdenkmale, die zum Kulturerbe gehören, aber musealisiert worden sind. In diesem Sinne hat das Kiewer Höhlenkloster/Киево-Печерская лавра noch Glück gehabt, denn weniger prominente Kirchen und Klöster sind komplett umgebaut oder gar abgerissen worden. Allerdings habe ich beobachtet, dass seit den 1970ern wieder vermehrt Kirchen auf Ansichtskarten zu sehen sind. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die verrückte Geschichte der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche/Храм Христа Спасителя, auf die ich mit einer anderen Ansichtskarte eingehen werde.

Das Kiewer Höhlenkloster

Das Kiewer Höhlenkloster

Das Foto für die Ansichtskarte ist durchschnittlich, die Druckqualität ganz gut. In den 80ern wurden für besondere Sehenswürdigkeiten oder für große Städte hochwertige Drucke verwendet. Im Vordergrund des Fotos steht eine Familie, deren Vater und Sohn dem Betrachter ihre Rücken zuwenden. Eine Frau mit einer großen Handtasche verlässt das Areal. Ihr schneller Schritt ist auf dem Foto eingefroren und wirkt etwas linkisch. Die anderen Personen auf dem Foto sind eher der Kirche zugewendet. Viele stehen im Schatten – es könnte eine Schulklasse sein. Es scheint ein heisser Tag gewesen zu sein. Wie auch schon auf der Ansichtskarte von Togliatti/Тольятти fallen mir die vielen rote Kleider auf. Und wieder sind es die Frauen, die es tragen. Männer in rot würden wahrscheinlich eher merkwürdig aussehen. Vielleicht hat es auch mit dem Verblassen von der Druckfarbe zu tun, dass immer das Rot besonders stark zurückbleibt.

Grüße aus Kiew nach Dresden

Grüße aus Kiew nach Dresden

Das besondere an dieser Ansichtskarte ist allerdings die Rückseite: Am 5.9.1986 schrieb Bernd aus Saporoschje/Запорожье (heute Saporischja) nach Dresden: “Euch die strahlendsten Urlaubsgrüße von meiner Dnepr-Schiffsreise. Sind schon den 5. Tag unterwegs. Von Kiew bis Odessa sind es 1000 km. Alles ist wunderschön, komme aber trotzdem wieder! Bernd”. In Saporoschje/Запорожье hatte er vermutlich schon über die Hälfte seine Dnepr-Reise hinter sich. Der Poststempel verzeichnet den 8.9.1986.

Am oberen Rand der Ansichtskarte gibt es noch einen Vermerk zum Ort Kiew/Киев: “110 km bis Tschernobyl”. Das ist mehr als ein geografischer Hinweis. Als Bernd seine Reise um den 1.9.1986 in Kiew/Киев beginnt, gab es in Tschernobyl/Чернобыль etwa 4 Monaten zuvor eine der größten nuklearen Katastrophen der Welt. Der Block 4 des 1977 errichteten Kernkraftwerks explodierte. Dadurch wurde radioaktives Material über Zentral- und Nordeuropa getragen. Um das Kraftwerk herum sind große Gebiete verseucht und wurden evakuiert. Die Berichterstattung in der DDR war zu diesem Thema sowjetisch parteiisch und spielte die Katastrophe herunter. Gesundheitsschäden in der Bevölkerung wurden in Kauf genommen. Insofern wurden sicher auch keine Reisewarnungen ausgesprochen. Warum sollte man sich auch seine ersehnte Auslandsreise nehmen lassen. Allein durch die günstige Wetterlage hatte Bernd (und die Bewohner Kiews/Киев) Glück gehabt. Während und nach der Katastrophe am 26.4.1986 herrschte Südwind, und somit wurde die südlich gelegene Großstadt Kiew/Киев (knapp 3 Mill. Einwohner) weitestgehend von Verseuchungen verschont. Aus Bernds Worten entnehme ich nicht gerade Furcht oder Bedenken gegenüber dieser Katastrophe. Eher höre ich da einen gewissen Übermut. Vielleicht ist es auch jugendliches Draufgängertum. Ist diese Haltung der Falschinformation der DDR geschuldet? Oder ist es die Hoffnung, dass das “alles schon nicht so schlimm sei”? Im Rückblick erscheint mir eine Dnepr Schiffsreise zu dieser Zeit etwas verwegen.

Immerhin sieht und hört man die Strahlung nicht. Und so hat sich Bernd seinen Urlaub nicht vermiesen lassen. Bis Odessa/ Одесса waren es sicher noch 3 oder 4 Tage.

Thomas Neumann

Kiew bei Google-Maps

http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe_von_Tschernobyl